Stärkere Chinesische Mauern für Analysten

18. Juni 2002, 15:15
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Die Aufsichtsbehörden in aller Welt planen Maßnahmen zur Wiedergewinnung des Anlegervertrauens - auch in Österreich

In Finanzkreisen wurde der Begriff "Chinese Walls" zu einem weit verbreiteten Qualitätsstandard und sollte die Unabhängigkeit der Finanzanalysten von Investmentbankern dokumentieren. Die Kauf- und Verkaufsempfehlungen der Finanzanalysten einer Bank sollten nicht durch sonstige Geschäftsinteressen der Bank gegenüber dem analysierten Unternehmen beeinflußt werden.

Analysten als Gehilfen der Investmentbanker

Idealerweise sollte das für Investmentbanken sehr lukrative Aktien- und Anleihenemissionsgeschäft nicht die kritische Beurteilungsfähigkeit der Analysten beeinträchtigen. Analystenempfehlungen sollten nicht dazu dienen, den Kollegen in der Investmentbank das Verkaufen der neu auf den Markt gebrachten Aktien zu erleichtern. Analysten sind den Anlegern verantwortlich.

Chinese Walls oder nur virtuelle Mauern?

In der Praxis konnten die Mauerwerke in den Finanzinstituten nicht immer mit den Originalbauwerken in China verglichen werden. Chinesische Mauern sind in der Regel äußerst massiv - dies trifft nicht nur auf die berühmte Große Chinesische Mauer zu, sondern auch auf viele Stadtmauern - wie Luftbildaufnahmen aus China beweisen.

In Banken und Brokerhäusern dürften diese Mauern oft nur virtuell gewesen sein. Zahlreiche Skandale in den USA rückten Bilanzierungspraktiken von Unternehmen in eine äußerst schiefe Optik. Wirtschaftsprüfer wurden zu hohen Strafen verurteilt und auch Finanzanalysten und Investmentbanken mußten Verantwortung für Verluste Ihrer Anleger übernehmen.

Der Chef der US-Börsenaufsicht (SEC), Harvey Pitt, spricht selbst von einer "ernsthaften Glaubwürdigkeits- und Vertrauenskrise an der Wall Street". Kursverluste an den Börsen waren die Folge. Anleger bleiben auch heute noch zurückhaltend. Fondsgesellschaften klagen über stark rückläufige Verkaufszahlen bzw. über stark sinkende Fondsvolumen. Die Verwaltungsgebühren von Fondsgesellschaften werden vom Fondsvermögen berechnet - abhängig von der Art des Fonds zwischen 0,7 Prozent und 2 Prozent. Kursverluste von 80 Prozent und mehr bei Technologie- und Neue Märkte Fonds schmälerten in den letzten Monaten dementsprechend die Erträge und Gewinne bzw. drängten einige Gesellschaften in die Verlustzone.

Krise für Reformen nützen

Jede Krise kann auch als Chance gesehen werden. In Österreich wurde vom Österreichischen Arbeitskreis für Corporate Governance im April ein Erstentwurf für einen Verhaltenskodex präsentiert. Dieser Arbeitskreis setzt sich aus Vertretern folgender Institutionen zusammen: Österreichische Vereinigung für Finanzanalyse und Anlageberatung (ÖVFA), Institut Österreichischer Wirtschaftsprüfer, Wirtschaftsuniversität Wien, Wiener Börse, aus wissenschaftlichen Beiräten verschiedener Universitätsinstitute sowie dem Regierungsbeauftragten für den Kapitalmarkt. Analysten und Kapitalmarktexperten gehen davon aus, daß noch in diesem Jahr ein für Österreich einheitlicher Verhaltenskodex geschaffen werden kann.

Dr. Andreas Grünbichler, Vorstandsdirektor der Finanzmarktaufsichtsbehörde (FMA) dazu: "Eine Kombination der schärfsten Standards aus den USA, Japan und Europa alleine wäre nicht sinnvoll, wenn damit ein funktionsfähiger Markt verhindert wird. Wichtig ist, daß sinnvolle Rahmenbedingungen für den Kapitalmarkt geschaffen werden. Entscheidend ist auch, ob innerhalb der Finanzinstitutionen für Analysten die richtigen Entlohnungssysteme existieren und sinnvolle Anreize geschaffen werden. Die Entwicklung einer verantwortungsvollen Kapitalmarktkultur steht an erster Stelle. Gesetzliche Regelungen können folgen - sind jedoch nicht unbedingt von vorrangiger Bedeutung."

Theorie und Praxis

Die besten Vorsätze und Empfehlungen nützen nicht, wenn sie in der Praxis nicht angewandt und gelebt werden. Was nützt es, wenn einerseits Analysten und Investmentbanker die höchsten moralischen und ethischen Grundsätze einhalten würden und andererseits Vorstände von börsennotierten Unternehmen intransparente Beteiligungskäufe und -verkäufe tätigen?

Besonders kritisch sind Fälle, wo diese Unternehmen Transaktionen mit Ihren Großaktionären durchführen. Nachdem Großaktionäre den Aufsichtsrat kontrollieren und dieser den Vorstand bestellt, gibt es nicht selten schwerwiegende Interessenskonflikte. Wer gewährleistet, daß nicht eine Aktionärsgruppe auf Kosten anderer Aktionäre begünstigt wird? Analysten werden in diesen Fällen sehr oft nicht ausreichend informiert, um den Wert der Transaktionen beurteilen zu können.

Transparenz: Schlüssel für einen besseren Kapitalmarkt

Schärfere Gesetze sind keine Garantie für einen effizienten und erfolgreichen Kapitalmarkt. Der Schlüssel zum Erfolg ist eine verbesserte Transparanz. Dadurch werden kritische Beurteilungen der Marktteilnehmer und Analysten erst möglich. Und möglichst viele gut fundierte Marktmeinungen sind die beste Basis für eine effiziente und faire Preisfindung am Markt.

Davon profitieren Anleger.

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