"Ein 'Nein' genügt ihnen einfach nicht"

15. Juni 2002, 12:48
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Gabriele Sam vom Ambulatorium am Fleischmarkt spricht im Interview über die schwierige Aufgabe des Security-Dienstes zum Schutz der Patientinnen vor AbtreibungsgegnerInnen

Auch vor dem Ambulatorium für Schwangerenhilfe am Fleischmarkt stehen jeden Tag AbtreibungsgegnerInnen von Pro Life, um Frauen an einem Abbruch zu hindern. Klinik-Mitarbeiterin Gabriele Sam machte längere Zeit Security-Dienst vor der Klinik, um die Patientinnen sicher hinaufzubegleiten und zu schützen. Im Gespräch mit dieStandard.at erzählt sie von Erlebnissen und Ärgernissen.

dieStandard.at: Frau Sam, wann ist die Human Life-Organisation auf das Ambulatorium am Fleischmarkt aufmerksam geworden?

Gabriele Sam: Ich bin jetzt seit über fünf Jahren in der Klinik und die Human Life-Organisation hat sich auch ziemlich genau vor fünf Jahren hier ums Eck in der Postgasse niedergelassen. Am Anfang haben sie die Leute vor der Klinik nur angesprochen oder von der anderen Straßenseite aus beobachtet. Da stand immer wieder eine alte Dame, die eine Stricherlliste gemacht hat, wieviele Leute bei uns aus und ein gehen und den Tagesablauf dokumentiert hat.

dieStandard.at:War es damals schon nötig, den Patientinnen „Geleitschutz“ zu geben?
Gabriele Sam: Ja, eine Zeitlang bin ich selbst mit einer Kollegin unten gestanden, um die Frauen zu empfangen. Unsere Aufgabe war, Hilfestellung zu bieten, wenn wir sehen, dass eine Patientin angesprochen wird. Es kommen auch Frauen zu uns, die von dem Ganzen überhaupt keine Ahnung haben und stehen bleiben, weil sie glauben, es fragt sie jemand nach der Uhrzeit – und schon sind sie mitten in einem Gespräch. Und wenn sie dann in ihrer Situation auch noch verunsichert sind, fallen sie aus allen Wolken. Anfangs waren die Frauen dann aber doppelt verunsichert, weil sie plötzlich von zwei Seiten angesprochen wurden. Wir haben uns deshalb Schilder anfertigen lassen mit dem Namen der Klinik, sodass wir gleich erkennbar waren. Einige Frauen wollten sich das auch anhören von den AbtreibungsgegnerInnen, viele sind aber gleich weitergegangen, wenn ihnen Folder oder Plastikembryos in die Hand gedrückt wurden.

dieStandard.at: Als sie damals selbst unten standen, was hat sie da besonders geärgert?
Gabriele Sam: Am meisten hat mich gestört, welche Leute von der Organisation da unten stehen: Einerseits ältere Frauen, die selbst von Schwangerschaft gar nicht mehr betroffen sind, aber auch viele Männer, obwohl die Erfahrung zeigt, dass es gerade für die Männer am einfachsten ist, sich wegzudrehen und zu sagen: ‚Das geht mich nichts an!‘. Das ärgert mich, weil die Männer sich hier für etwas verantwortlich zeigen, wo sie sonst fast nie da sind. Sehr viele Frauen, die finanziell in Not sind, erzählen, dass der Partner sie stehen lassen hat oder der Freund behauptet, das Kind sei gar nicht von ihm. Das kommt tagtäglich vor – da sind die Frauen alleine gelassen und da finde ich es dann schon absurd, wenn unten Männer die Patientinnen ansprechen, die glauben, die Wahrheit für sich gepachtet zu haben. Und es stehen sehr viele junge Frauen unten, mit sechzehn, siebzehn Jahren, wo ich mir dann auch denke, man kann doch nicht von vornherein über andere urteilen, wenn man nicht selber in der Situation war. Diese Intoleranz ist etwas, das mich ganz besonders stört.

dieStandard.at: Jetzt haben sie ja einen georderten Security-Dienst zum Schutz der Frauen vor der Klinik.
Gabriele Sam: Ja, wir haben das in professionelle Hände gegeben, denn es ist ein beinharter Job und sehr ermüdend. Es ist ein Kampf gegen Windmühlen. Man steht sen ganzen Tag bei jedem Wetter auf der Straße, tut sein Möglichstes, die Frauen zu schützen, aber trotzdem passiert es immer wieder, dass eine Frau ums Eck angesprochen wird und dann ganz aufgelöst bei uns in der Klinik ankommt. Und dann heißt es zum Security-Dienst: "Ihr müsst besser aufpassen". Aber ich weiß, wie schwer das ist, wenn von den anderen vier bis fünf Personen unten stehen, und man selbst ist alleine. Und wenn eine Frau sich das ansehen will und mitgehen will, dann ist das ja außerdem auch ihr Recht.

dieStandard.at: Hatten Sie auch schon schlimmere Probleme, so wie die Lucina-Klinik sie derzeit hat?
Gabriele Sam: Zum Teil waren schon recht massive Einsätze bei uns, im Moment ist es aber recht ruhig. Wir haben unsere Wohnungen hier schon seit vielen Jahren gemietet und es ist gar keine im Haus frei, wo sich Human Life einmieten hätte können. Und unser Hausbesitzer denke ich, schützt uns auch in dieser Hinsicht und hat Interesse daran, dass wir hier weiter bleiben und nicht hinausgeekelt werden. Sonst hätten wir wahrscheinlich das gleiche Problem.
Anfänglich war jeden ersten oder zweiten Samstag im Monat eine kleine Protestkundgebung, da sind sie am Fleischmarkt aufmarschiert und haben gebetet und religiöse Lieder gesungen. Dann haben wir das in den Griff bekommen, dass sie nicht mehr direkt am Fleischmarkt stehen dürfen, sondern nur mehr bis zur Gasse davor, da ist es dann auch immer wieder zu konfliktreichen Situationen gekommen. Aber es läuft halt alles über das Zivilrecht, das heißt die Frauen und ihre BegleiterInnen müßten selber Anzeige erstatten. Es haben immer wieder Frauen gesagt, dass sie jetzt eine Anzeige machen, aber ob da dann wirklich etwas heraus gekommen ist, weiß ich nicht. In dieser Situation sich dann zu outen oder aktenkundig zu machen ist im Interesse der Wenigsten. Die GegnerInnen machen außerdem nichts Illegales – sie stehen auf der Straße, zeigen ihre Meinung, haben Demonstrationsrecht. Sobald sie ins Haus hineingehen würden, hätte wir Handhabe, aber das wissen sie ja genau, dass sie das nicht dürfen.

dieStandard.at: Den AbbruchsgegnerInnen wird vorgeworfen, mit Unwahrheiten und abstoßenden Bildern die Frauen zu verunsichern.
Gabriele Sam: Stimmt, sie arbeiten mit Klischees und Angstmacherei. Die Plakate und Bilder sind teilweise sehr ekelhaft und haben überhaupt nichts mit der Realität zu tun. Diese Hände und Füße, die man da oft sieht, sind schon größer und ausgebildeter, als bei Schwangerschaftsabbrüchen, wie sie in Österreich durchgeführt werden. In dem Buch „Miriam, warum weinst Du?“, das die Schwangerschaftsgegner auf der Straße austeilen, sind auch viele Fallbeispiele drinnen, von Frauen nach Schwangerschaftsabbrüchen und welche traumatischen Erlebnisse sie damit hatten. Das mag ja stimmen, dass es das gibt, aber es ist nicht die Regel – es muss nicht jede Frau nach einem Abbruch ein Trauma haben. Es passiert wahrscheinlich nach wie vor, aber unter den Bedingungen, wie wir sie hier in Mitteleuropa haben, mit ärztlicher Hilfe und hygienisch einwandfreien Praxen, ist ein Schwangerschaftsabbruch nur ein kleiner Eingriff, bei dem die Frauen gut medizinisch und psychologisch betreut werden.

dieStandard.at: Und wie gelingt es Ihnen, dadurch verunsicherte Frauen vom Gegenteil zu überzeugen?
Gabriele Sam: Im Prinzip ist es so, dass sehr viele Frauen mit sehr frühen Schwangerschaftsabbrüchen her kommen, meist in der sechsten bis achten Woche. Nur ganz wenige Frauen sind schon in der zehnten oder zwölften Woche. Und in dieser Zeit sieht man am Ultraschall nur die Fruchtblase. Wir beraten sie und bieten Ihnen an, sich den Ultraschall anzusehen. Viele Frauen wollen ihn nicht sehen, aber die, die das wollen, sind dann überrascht, dass man da eigentlich nur ein Pünktchen sieht. Wir rechnen außerdem mit den Schwangerschaftswochen vom ersten Tag der Regel an und die Abbruchsgegner von der tatsächlichen Schwangerschaft. Unsere zwölf Wochen sind also real maximal zehn Wochen.

dieStandard.at: Kommt es vor, dass Frauen wieder gehen, wenn sie bei ihnen einen Termin haben und vorher unten auf der Straße angesprochen werden?
Gabriele Sam: Es kommt selten, aber doch vor. Wenn nicht alle Frauen zu ihrem angemeldeten Termin kommen, haben sie sich entweder umentschieden oder sie sind angesprochen worden. Der oberste Trick von den Gegnern unten ist, die Frauen anzusprechen und zu sagen, sie böten die wahre Hilfe an. Die Frau geht dann mit ins Lebenszentrum, das ja nur ein paar Schritte um die Ecke ist, und bekommt erst einmal etwas zu essen und zu trinken, sodass sie nicht mehr nüchtern ist – dann kann sie für diesen Tag schon einmal den Eingriff vergessen. Und dann werden den Frauen auch noch Videos gezeigt – ich hatte schon einige Frauen hier, die erzählten, sie hatten schon einen Termin im Ambulatorium gehabt, sind mitgenommen worden ins Lebenszentrum, und haben sich das dann angeschaut. Sie haben sich dann zwar nicht von ihrer Meinung abbringen lassen, aber sie fragten uns, ob diese grausigen Dinge auch wirklich stimmen und waren sehr verunsichert.

dieStandard.at: Was tun sie denn als Prävention, beim Beratungsgespräch, um die Frauen über das Geschehen vor der Klinik zu informieren, bevor sie noch herkommen?
Gabriele Sam: Wir haben ja sehr viele telefonische Anmeldungen und weisen auch immer gleich am Telefon darauf hin. Die meisten Frauen, die aus Wien sind, wissen ohnehin Bescheid – ich sage auf jeden Fall immer dazu, dass die Möglichkeit besteht, dass sie von Schwangerschaftsabbruchsgegnern angesprochen werden. Die Frauen reagieren dann einfach anders – sie können von vornherein sagen "Lassen Sie mich in Ruhe!". Wir sagen den Frauen auch, dass sie dezidiert nichts annehmen sollen, wenn sie das nicht möchten und wenn sie doch etwas bekommen, sollen sie es sich nicht anschauen oder wissen, dass es nicht stimmt, und dass diese Bilder nur abschreckende Wirkung haben sollen.

dieStandard.at: Gibt es die Möglichkeit zum Beratungsgespräch, noch bevor die Frauen sich definitiv für einen Abbruch entscheiden?
Gabriele Sam: Die meisten, die sich mit uns einen Termin ausmachen, haben schon ein Beratungsgespräch beim Arzt oder in einer Beratungsstelle gehabt und die Entscheidung steht eigentlich bei den meisten schon fest. Für Frauen, die unsicher sind, bieten wir kostenlose einstündige Entscheidungsberatungen mit einer Psychologin an und wir haben auch eine Nachbetreuung. Es gibt oft Situationen, da würden die Frauen das Kind gerne bekommen, aber die Umstände sind so dagegen, dass sie sich dann doch wieder vom Gefühl her für den Abbruch entschließen. Es kann natürlich auch vorkommen, dass Frauen dann in eine Depression fallen oder den Grund nicht deuten können, wenn sie sich traurig fühlen. Aber das ist normal, es steht ja nirgends geschrieben, dass man nicht Trauer empfinden darf, auch wenn die Entscheidung für einen richtig war – aber damit kommen viele einfach nicht klar. Und darüber dann mit einem Außenstehenden zu sprechen ist immer hilfreich.

dieStandard.at: Die Human Life-Organisation verspricht den Frauen ja teilweise auch Jobs, wenn sie aus finanziellen Nöten heraus abtreiben wollen.
Gabriele Sam: Ja, eine junge Frau zum Beispiel, die schon drei Kinder hatte und sich bei uns einen Termin ausgemacht hat, ist mit ihnen mitgegangen. Sie haben ihr versprochen, dass sie für sie da sind und sie unterstützen werden, wenn sie das Baby behält, und haben ihr auch eine Teilzeitbeschäftigung versprochen. Vor kurzem war die Frau bei uns, weil sie wieder schwanger war – sie hat das Kind damals bekommen und hat erzählt, dass sie damals bei Human Life genau drei Wochen gearbeitet hat. Sie haben ihr halt momentan irgendeine Beschäftigung besorgt und sich dann nicht weiter darum gekümmert. Ich kann mir auch schwer vorstellen, dass eine Frau mit Baby, die nicht so flexibel ist, leicht so schnell unterzubringen ist.

dieStandard.at: Warum sehen Sie persönlich die Aktionen der Gegner als Belästigung an – man könnte ja auch argumentieren, dass sie nur für das Leben eintreten.
Gabriele Sam: Weil ein ‚Nein‘ ihnen einfach nicht genügt. Wenn ich angesprochen werde und sage, ich möchte das nicht – egal ob es um ein Prospekt oder einen Gutschein für einen Fitnessclub geht – und der andere will es mir unbedingt trotzdem aufdrängen, dann ist das Belästigung. Außerdem bilden sie sich ein rasches Urteil über die Frauen, wenn sie ihnen ‚Mörderin‘ oder derlei Dinge nachrufen und ihnen nachgehen – für mich ist das eine Verurteilung. Frauen, die nach dem Eingriff aus der Klinik kommen, geben sie ja dann auch noch dieses Miriam-Buch mit, um ihnen zu suggerieren: ‚Schau, was Du getan hast – jetzt fühl Dich gefälligst schuldig.‘

dieStandard.at: Hat ihre Klinik nie überlegt, rechtliche Schritte einzuleiten?
Gabriele Sam: Doch, wir wollten vor dem Haus wenigstens eine Bannmeile erwirken, damit die Frauen nicht direkt vor der Klinik angesprochen werden dürfen, aber das ist uns leider nicht gelungen. Ich glaube, das politische Interesse daran ist einfach zu gering. (red)

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