Freudenexplosion in der Türkei

13. Juni 2002, 14:33
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Aber auch kritische Stimmen in Istanbul: "Hakan Sükür darf nicht mehr aufgestellt werden"

Istanbul - Mitte der zweiten Halbzeit hielt es einer der um den Fernseher versammelten Mitarbeiter in einem Istanbuler Betrieb einfach nicht mehr vor dem Bildschirm aus. "Die versieben es noch, das geht noch schief", murmelte er im Gehen - und blieb prompt vor dem nächsten Fernseher im Nachbarbetrieb wieder hängen. Ähnlich pessimistisch dachten Millionen weitere Türken, die am Donnerstagmorgen vor den Bildschirmen zitterten: Zu unzuverlässig hatte sich die Mannschaft in ihren ersten beiden WM-Spielen präsentiert, als dass die Nation ernsthafte Hoffnungen in sie hätte setzen können. Umso heftiger war dann die Explosion der Freude, als der Schlusspfiff die Spannung gelöst hatte.

Partystimmung am Bosporus

Lachend und weinend fielen sich Freunde und Fremde in die Arme; binnen Minuten verwandelte sich die Millionenmetropole am Bosporus in eine einzige Freiluft-Freudenfeier. Noch beim 3:0 für die Türkei war kaum ein Mensch auf den sonst so gedrängten Straßen von Istanbul - die Stadt hielt den Atem an. Aus Millionen Kehlen kam der Freudenschrei, der um halb zwölf die Stille zerriss - und dann brach die Hölle los: Mit Böllern ballerten die Fans in die Luft, überall starteten Autos unter andauerndem Gehupe zu Korsofahrten, alles schrie, lachte und sang durcheinander.

Innerhalb von zehn Minuten waren die Fahnenverkäufer unterwegs, wenig später flatterte die rote Flagge mit Halbmond und Stern vor Geschäften, aus Wohnungsfenstern und an den meisten Taxen. In den eigenen vier Wänden hielt es kaum jemanden mehr; wer in den ersten Stunden nach dem Spiel etwas besorgen wollte, der musste oft erst einmal den Ladeninhaber aus dem nächsten Knäuel feiernder Fans auf der Straße fischen.

"Enormes Glück"

Aber es gab auch kritische Stimmen: "Enormes Glück" habe der Mannschaft ins Achtelfinale verholfen und werde sie auch noch eine Runde weiterbringen, meinte ein Apotheker, der mit der Fahne um den Hals geschlungen vor seinem Laden stand. "Die Mannschaft selbst ist schlecht", erklärte er. "Hakan Sükür darf nicht mehr aufgestellt werden, und Senol Günes sollte sofort zurücktreten."

Dass viel Glück dabei war, das gaben auch die euphorischsten Fans bereitwillig zu. "Vor allem, dass Brasilien so gut gespielt hat, war natürlich ein großes Glück für uns", stellte ein Greisler fest. Die zuvor in der Türkei zirkulierte Verschwörungstheorie, wonach die Brasilianer ihren lateinamerikanischen Kollegen aus Costa Rica weiterhelfen würden, war nun nicht mehr Gespächsthema.(APA)

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