Europa-Parlament beschäftigt sich mit Berichten über Massaker in Afghanistan

13. Juni 2002, 14:27
3 Postings

Linke Fraktion fordert internationale Untersuchung

Straßburg - Berichte über Massaker an mehreren Tausend Taliban-Kämpfern in Afghanistan beschäftigen das Europaparlament in Straßburg. Wie der Vorsitzender der Fraktion der Vereinigten Linken, Francis Wurtz, am Donnerstag mitteilte, wird er im Namen seiner Gruppe das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) in Genf um eine Untersuchung bitten. Auch die Vereinten Nationen sollten sich mit den Vorwürfen befassen, forderte der französische Kommunist.

Erhoben werden die Vorwürfe in einem Dokumentarfilm des irischen Journalisten Jamie Doran, eines ehemaligen Mitarbeiters der BBC. In dem rund 20 Minuten langen Streifen, der am Mittwochabend im Europaparlament gezeigt wurde, berichten sechs Zeugen - Soldaten der Nordallianz, Fernfahrer und Taxi-Chauffeure - von einem Massaker an bis zu 3.000 mutmaßlichen Taliban-Kämpfern. Den Ausgaben zufolge wurden die Männer nach der Kapitulation der Stadt Kundus zunächst in Container gepfercht in ein Gefängnis im Norden des Landes gebracht. Dort hätten US-Offiziere angeordnet, die Gefangenen "loszuwerden".

Die Taliban seien anschließend in den Containern - die jeweils mit bis zu 300 Gefangenen besetzt gewesen seien - mit Lastwagen in eine Wüste gefahren worden. Viele Gefangene seien bereits in den metallenen Behältern erstickt; die Übrigen seien in der Wüste erschossen und in einem Massengrab beerdigt worden, berichtete einer der Fahrer. Dabei hätten über 30 US-Soldaten zugesehen. Die Operation habe unter dem Kommando der afghanischen Nordallianz gestanden.

"Gewisse Glaubwürdigkeit"

"Diesen Vorwürfen muss nachgegangen werden", forderte Wurtz. Die von dem Journalisten gefilmten Zeugen gehörten unterschiedlichen Volksgruppen an. Sie hätten durch ihre Aussage nichts zu gewinnen, sondern setzten sich im Gegenteil Gefahren aus. Dies verleihe den Aussagen durchaus eine gewisse Glaubwürdigkeit. Nach Ansicht der 42 Mitglieder zählenden Fraktion der Vereinigten Linken, der auch mehrere PDS-Abgeordnete angehören, sollte die Untersuchung unter die Schirmherrschaft der Vereinten Nationen gestellt werden. Das IKRK solle beteiligt werden, weil es bereits Mitarbeiter vor Ort habe, erläuterte Wurtz. Zunächst gehe es darum, an den von den Fahrern genannten Orten nach dem Massengrab in der Wüste zu suchen.

"Es muss schnell gehandelt werden, damit keine Beweisstücke entfernt werden", betonte der Fraktionschef und kündigte an, seine Fraktion werde für die Juli-Sitzung in Straßburg eine Dringlichkeitsdebatte zu den angeblichen Massenerschießungen beantragen. Außerdem werde sich die GUE an Abgeordnete des US-Kongresses wenden, um Klarheit über die Vorwürfe zu bekommen. Die Grünen im Europaparlament haben sich nach Auskunft eines Sprechers noch nicht offiziell entschieden, ob sie den Vorstoß der GUE unterstützen werden. (APA/dpa)

Share if you care.