"In 90 Minuten 4 Jahre zerstört"

13. Juni 2002, 17:26
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Maradona kritisiert Argentinien-Coach Bielsa - Rücktrittswelle: Batistuta, Cannigia, Simeone und Chamot beenden Teamkarriere

Naraha/Japan - Argentinien erwachte mit einem großen Kater, das Idol forderte Konsequenzen. 24 Stunden nach dem deprimierenden WM-Aus wartete das ganze Land auf den Rücktritt von Marcelo Bielsa, und allen voran Diego Maradona stempelte den Coach zum Sündenbock der Nation. "Bielsa hat Fehler begangen. Mit seinen personellen Entscheidungen vor und während der Partien bin ich überhaupt nicht einverstanden", wetterte der 41-Jährige in einer Kolumne für die Schweizer Zeitung "Blick" und fügte an: "In 90 Minuten sind vier Jahre Aufbauarbeit zerstört worden."

Jede Menge Rücktritte

Der von Verbandspräsident Julio Grondona noch gestützte Bielsa machte am Donnerstag keinerlei Angaben über seine berufliche Zukunft. Entschlussfreudiger präsentierte sich sein gestraucheltes Personal. Die alten Superstars Gabriel Batistuta (33), Claudio Cannigia (35) erklärten ihren Rücktritt, Diego Simeone (31) und Jose Chamot (32) deuteten ihn an.

Maradonas Erben werden als Verlierer-Generation in die argentinische Fußball-Geschichte eingehen. Dem Achtelfinal-Aus 1994 und dem Viertelfinal-K.o. 1998 folgte nun das Vorrunden-Debakel, und auch in der Südamerika-Meisterschaft gelang den "Gauchos" in dieser Zeit kein Titelgewinn mehr. "Wir werden unsere Karrieren als Dreifach-Versager beenden. Das tut weh, das tut wirklich weh", betonte Mittelfeldspieler Simeone.

Bielsas Vertrag läuft aus

Ob Bielsa den Generationswechsel, bei dem die Hoffnungen auf den Junioren-Weltmeistern von 1997 ruhen, einleiten darf, ist unwahrscheinlich. "Wenn er bleiben will, kann er bleiben", sagte zwar Grondona, doch der argentinische Vizepräsident des Weltverbandes FIFA klang dabei wenig überzeugend. Zum Monatsende läuft Bielsas Vertrag aus, und in den argentinischen Medien wird bereits über seinen Nachfolger spekuliert. Carlos Bianchi (53), zuletzt Trainer der Boca Juniors, führt die Favoritenliste an, gefolgt von Inter Mailands Coach Hector Cuper (46).

"Ich mache mir Vorwürfe. Ja, auch ich bin schuld am Scheitern", entschuldigte sich Maradona reumütig dafür, dass er nicht als moralische Unterstützung nach Japan gereist war. Vor allem aber machte er Bielsa für das Scheitern verantwortlich. "Batistuta nimmt man nicht vom Feld, wenn man Tore braucht. Und: Veron lässt man nicht draußen", schrieb der 41-Jährige. Auch Cesar Luis Menotti, der Argentinien 1978 im eigenen Land zum ersten WM-Titel geführt hatte, warf seinem Kollegen falsche Personalpolitik vor: "Er hat nicht immer das richtige Team aufgestellt." Die einzige Sportzeitung des Landes "Ole" warf dem Coach "Harakiri" vor.

Skepsis begleitete den Coach

Vor vier Jahren für Daniel Passarella ans Ruder gekommen, wurde Bielsa von Anfang an skeptisch beäugt. Schließlich hatte es der introvertierte und medienscheue Coach weder als Spieler noch als Trainer geschafft, bei den Top-Klubs des Landes unterzukommen. Nachdem sich die Nationalelf aber in der Qualifikation zum Dominator Südamerikas entwickelt hatte und bis zur WM fast zwei Jahre lang ungeschlagen geblieben war, war die Skepsis in Anerkennung umgeschlagen - bis zum Mittwoch.(APA)

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