Der Kopf muss Ja sagen

13. Juni 2002, 17:30
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Im Kulturstadtjahr 2003 wird das Zentrum von Graz zur erogenen Zone für künstlerische Eingriffe

Ein Streifzug durch die Projekte im öffentlichen Raum und das übrige Programm mit dem Masomania-Festival von Thomas Trenkler.


Metaphern sind mitunter grausam. Einer Spinne ins Netz zu gehen endet eben in der Regel letal. Nach zumeist längerer Qual. "Graz 2003" hat sich zu einer etwas humaneren Todesart für die Besucher des Kulturstadtjahres entschlossen: Man bricht ihnen bloß das Genick. Nach Art des Pariser Nachtclubs Pigalle: mit einer Mausefalle. Ein Stückchen Speck liegt bereits auf dem Brettchen, der todbringende Bügel ist gespannt. Zudem üben sich die Organisatoren in Geduld: Das zellophanierte Produkt, die Falle, die das Cover einer dieser Tage veröffentlichen Broschüre ziert, sei lange haltbar. Mindestens bis Ende 2003.

Die Rechtfertigung für die Verwendung der Tötungsmaschine ist simpel: "Graz darf alles", wie der Slogan lautet, mit dem das Kulturstadtjahr für sich wirbt. Graz darf alles (wenngleich mit Einschränkungen wie: nicht Pleite gehen, nicht ins Koma fallen, nicht die Jungen vergrätzen): Das ist der typische Sprech von Wolfgang Lorenz, dem gerne markige Sprüche klopfenden Intendanten, der sich, wie er unlängst in einem Interview sagte, "schon ein bisschen anscheiße" vor dem, was da auf ihn zukomme.

Aber trotz all der Probleme - das Budget wurde, weil der Bund seine Zusage nicht zur Gänze einhielt, von 54,5 Millionen Euro auf deren 43,6 gekürzt - vor der Zeit aufgeben, das gelte nicht. Denn das wäre so "unerotisch wie ein Coitus interruptus". Und Wolfgang Lorenz muss es ja wissen. Schließlich fände, so Lorenz, "Graz 2003" - wie auch der Sex - "überwiegend im Kopf" statt: "Wenn der Kopf nein sagt, werden die Leute keine Hetz haben bei der ganzen Geschichte."

Aber "Graz 2003" findet nicht nur im Kopf statt. Man kommt auch zur Sache. Erst auf sanften Druck nahm Lorenz die Themenausstellung "Lust als Passion", kuratiert von Peter Weibel, Christa Steinle und Elisabeth Fiedler, samt dem spartenübergreifenden Festival "Masomania" ins Programm auf. Helmut Newton, mittlerweile 82, wird eine Serie über "grausame Frauen" (Arbeitstitel) schießen, Lou Reed den alten Velvet-Underground-Song "Venus in Furs" intonieren, und Slavoj Zizek mit Kollegen, Psychologen und Literaten über den Masochismus diskutieren. Schließlich schrieb Leopold von Sacher-Masoch, eigentlich Professor für Geschichte, just in Graz seinen Roman "Venus im Pelz".

Sicher, die heimischen Kulturveranstalter und Künstler wurden in die Programmgestaltung miteinbezogen. Theaterstücke von Gert Jonke, Bodo Hell und Anselm Glück werden aus der Taufe gehoben, und Wolf Haas lässt Brenner in dessen Heimatstadt Graz recherchieren. Aber man versicherte sich auch des Beistandes von außen, um mit imageträchtigen Hochglanz-Projekten auffahren zu können. Henning Mankell, der schwedische Bestsellerautor, schreibt für "Graz 2003" das Stück "Heimat.Fremd", das er selbst zur Uraufführung bringen wird. Wilfried Seipel, Generaldirektor des Kunsthistorischen Museums in Wien, exerziert die Sprachverwirrung vor: Zusammen mit "60 größtenteils internationalen Experten" nimmt er sich den "Turmbau zu Babel" vor. Über das Budget der größten - und mit Abstand teuersten - Ausstellung des Kulturstadtjahres wird eisern geschwiegen.

Die britischen Stararchitekten Peter Cook und Colin Fournier ersannen eine blau schimmernde Blase samt Noppen, die künftig als Hülle des Kunsthauses dient (Eröffnung im Spätherbst 2003). Und der New Yorker Künstler Vito Acconci lässt auf der Mur eine viel diskutierte Insel aus Beton und Glas schwimmen, deren Kosten bei rund fünf Millionen Euro liegen.

Überhaupt: "Graz 2003" spielt sich zum Großteil in der Öffentlichkeit ab. Praktisch das gesamte Zentrum wird zur erogenen Zone für künstlerische Eingriffe. Schon bei der Ankunft sollen dem, der mit dem Zug anreist, die Augen herausfallen: Peter Kogler, zweifacher "documenta"-Teilnehmer, tapeziert die Halle des frisch renovierten Hauptbahnhofes praktisch zur Gänze mit seinen computergenerierten Wülsten.

Nähert man sich der Altstadt, wird mancher glauben, einer optischen Täuschung aufzusitzen: Der Uhrturm am Schlossberg scheint einen bedrohlichen Schatten zu haben, der, je nach Blickwinkel, mehr oder weniger sichtbar wird. Zudem ist er dreidimensional: Das "Schattenobjekt Uhrturm" von Markus Wilfling, eine 1 : 1-Kopie des Grazer Wahrzeichens (Kosten: 182.000 Euro), besteht aus schwarz lackiertem Aluminium. Ist aber nicht, wie das Original, betretbar. Und zeigt auch nicht die Zeit an. Es kann aber - wie bei einer Sonnenfinsternis der Mond - den Uhrturm völlig zum Verschwinden bringen: Wenn sich der Betrachter im Nord-Osten der Stadt befindet.

Schon vor Beginn des Kulturstadtjahres werden auf den Plätzen und Rasenflächen entlang der beiden Kais zwischen Mur- und Keplerbrücke mehrere Betonskulpturen stehen. Das Projekt "Concrete Art" wird von Edelbert Köb, dem Direktor des Museums moderner Kunst in Wien, kuratiert, die Objekte stammen unter anderem von Mat Mullican, Hans Kuppelwieser, Erwin Wurm, Jörg Schlick, Manfred Wakolbinger und Tony Cragg. Diese Ausstellung im öffentlichen Raum (bis zum Frühjahr 2004) steht, wie nicht anders zu erwarten, unter der Schirmherrschaft der Betonindustrie, "Graz 2003" beteiligt sich mit 131.000 Euro an den Kosten.

Zudem soll am Eröffnungswochenende der gläserne Lift von Hofrat Richard Kriesche, direkt neben der Mariensäule am Eisernen Tor hochgezogen, in Betrieb genommen werden. Für den Grazer Medienkünstler handelt es sich beim "Marienlift" um ein "Demokratiemodell": Den Menschen steht erstmals die Möglichkeit offen, sich - gegen ein Entgelt von einem Euro - auf eine Stufe mit der hoch über dem Platz schwebenden Madonna zu stellen und auf alle herabzublicken. Kriesche verwehrt sich gegen den Vorwurf der Blasphemie, will aber den Umgang mit Autoritäten, egal ob aus der Politik oder der Religion, hinterfragen, die generell hoch zu Ross oder auf Podesten dargestellt und verehrt würden. Um keine Missinterpretationen zu ermöglichen, hatte Kriesche vorgeschlagen, auch eine Rampe zur Erzherzog-Johann-Statue am Hauptplatz zu errichten. Aus Kostengründen dürfte diese Installation aber leider bloß Skizze bleiben.

Dieses Schicksal bleibt der "Gespiegelten Stadt" zwar erspart. Aufgrund massiver Redimensionierungen und Budgetreduzierungen, die dem Projekt widerfuhren, müsste man allerdings richtiger von einem "Gespiegelten Platz" sprechen: Der Designer Alexander Kada, der für die von Gerhard Melzer konzipierte Ausstellung "Sprachmusik" die begehbaren Installationen entwarf, richtet zusammen mit seinem Vater Klaus, dem Architekten der neuen Grazer Stadthalle, auf dem Freiheitsplatz ein vielschichtiges Open-air-Spiegelkabinett ein, das die Grenzen zwischen Realem und scheinbar Gebautem verwischen beziehungsweise einen Dialog zwischen Vision und Alltag eröffnen will.

Ergänzt wird die Mega-Installation, die nun, nach Klärung der Parkplatz-Probleme und mit Zustimmung der Stadtregierung, Ende Juni 2003 eröffnet werden soll (Kosten: 1,24 Millionen Euro), durch eine weitere Schimäre: Mittels Standleitung lässt Intendant Wolfgang Lorenz das Meer, konkret: die Adria, auf einen in der Erde versenkten Großbildschirm projizieren. Tag wie Nacht und Tag für Tag. Zum Träumen. Weil ja der Sex vor allem im Kopf stattfindet. (DER STANDARD, Printausgabe, 14.6.2002)

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