Hamid Karsai - Gestalter des afghanischen Übergangs

13. Juni 2002, 12:12
posten

Interimspremier überzeugtauf der internationalen Bühne

Kabul - In Kabul hat er die zerstrittenen Fraktionen der Nordallianz an den Kabinettstisch gebracht, in den Hauptstädten der ganzen Welt beeindruckt er Politiker und Journalisten mit Eleganz und fließendem Englisch. Seit seiner Ernennung zum Chef der Übergangsregierung vor sechs Monaten überzeugte Hamid Karsai an allen Fronten. Den Ritterschlag erteilte ihm der frühere König Mohammed Zahir zur Eröffnung der Loya Jirga: "Ich wünsche ihm Erfolg", sagte der aus dem Exil zurückgekehrte Ex-Monarch unter dem Applaus der Delegierten. Die Wahl zum afghanischen Staatspräsidenten wurde auf der Großen Ratsversammlung da nur noch als Formalität betrachtet.

Erfolg kann der 44-jährige Paschtune bei der Gestaltung des Übergangs in dem von Krieg und Bürgerkrieg zerrütteten Land weiterhin gut brauchen. Banditentum, Erpressung und Einschüchterungen vor der Loya Jirga in Kabul beweisen, wie zerbrechlich die Institutionen am Hindukusch mehr als ein halbes Jahr nach dem Sturz der Taliban noch sind. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch warnte am Mittwoch, einflussreiche Kriegsherren könnten die Posten unter sich aufteilen. Als Zahir Schah zu Gunsten von Karsai auf seine Kandidatur verzichtete, drohte der Warlord Padscha Khan unverholen mit neuer Gewalt.

Der frühere Monarch hat seit seiner Rückkehr aus dem römischen Exil die Integrationsfähigkeit und Überzeugungskraft Karsais schätzen gelernt. Binnen weniger Wochen entstand ein freundschaftliches Verhältnis zwischen den beiden Staatsmännern, das viele als Vater-Sohn-Beziehung beschreiben. Auf der Loya Jirga schlug Karsai für seinen Mentor folglich die repräsentative Aufgabe des "Baba" vor, als "Vater der Nation". Weil die Lager beider Seiten aber um ihre Pfründe fürchten, wäre die Ratsversammlung beinahe geplatzt. Erst als der Ex-König ausdrücklich auf eine Kandidatur als Staatschef verzichtete, konnte die Loya Jirga mit einem Tag Verspätung beginnen.

Als Spross einer paschtunischen Politikerfamilie, früherer Mudschahedin-Kämpfer gegen die sowjetische Besatzung und Sympathisant der Nordallianz gegen die Taliban genießt Karsai das Vertrauen der meisten afghanischen Fraktionen. Sein Großvater war bis zum Sturz von Zahir Schah Präsident des Nationalrates, der Vater arbeitete als Diplomat. Sohn Hamid ging in Kabul zur Schule, studierte in Indien und arbeitete in den USA. 1982 schloss er sich dem Kampf gegen die sowjetischen Truppen an und leitete von Pakistan aus Militäraktionen der "Nationalen Befreiungsfront". Nach dem Fall der pro-sowjetischen Regierung 1992 wurde er Vize-Außenminister Afghanistans.

Als 1996 die Taliban Kabul eroberten, erwog Karsai zunächst eine Zusammenarbeit mit den paschtunischen Fundamentalisten. Sogar der Posten des afghanischen UNO-Botschafters wurde ihm angetragen. Er schlug das Angebot aber schließlich mit der Begründung aus, die Taliban seien "ausländische Terroristen" und Marionetten des pakistanischen Geheimdienstes. Endgültig verschrieb sich Karsai dem Kampf gegen die Miliz, als 1999 vermutlich Taliban seinen Vater ermordeten. Im Oktober vergangenen Jahres kam er nur knapp mit dem Leben davon, als er versuchte, in Südafghanistan einen Aufstand anzuzetteln. Weil er zuletzt nahe Kandahar noch gegen verbleibende Stellungen der Taliban kämpfte, musste er sich im Dezember sogar auf der Afghanistan-Konferenz in Bonn entschuldigen lassen.

An der Spitze des verarmten Staates bleibt für Karsai eine Menge zu tun. Von den 4,5 Milliarden Dollar (4,78 Mrd. Euro), die er der internationalen Gemeinschaft im Jänner nach dem Krieg für den Wiederaufbau abtrotzte, sind bislang erst einige Millionen tatsächlich bei der UNO eingegangen. Vertrauen und Autorität der Kabuler Übergangsregierung reichen über die Stadtgrenzen kaum hinaus; auch die Soldaten der internationalen Schutztruppe ISAF sorgen nur in der Hauptstadt für Sicherheit. Afghanistan ist weiter auf die Erfolge seines Hoffnungsträgers angewiesen. (APA)

Share if you care.