von Clarissa Stadler
"Gehen wir in den Prater"

20. Juni 2002, 13:55
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"Bitte gehen wir am Sonntag irgendwo hin, wo keine 40-jährigen Menschen ihr bürgerliches Eheglück zur Schau stellen, ihre bürgerlichen Kinder vorführen und die ganze Zeit über ihre bürgerlichen Erfolgsberufe reden", fleht N. "Mich widert dieses inszenierte Glück an. Lass uns irgendwo hingehen, wo das Leben so spielt, wie es spielt, wo die Frauen nicht zu ihren Männern gehören und die Kinder nicht zu ihren Vätern, wo gesoffen und geprügelt wird und die Familie kein Prestigefaktor ist."

"Gehen wir in den Prater und suchen wir das schiefe Glück", sage ich zu N. und denke dabei, dass das wie im Zoo ist, wo man exotische Tierarten angafft, nur eben in einem großen Freigehege, ohne Glasscheibe dazwischen. "Ja", sagt N., "mischen wir uns unter das Volk."

Im Prater sehen wir Familien, die für kein Werbeplakat in Frage kommen. Nicht für junge Aktien, nicht für Unterwäsche, nicht für Biojoghurt. Allenfalls für die Lotteriereklame im "Vorher"-Teil. Frauen, die nicht nur nicht wissen, was ein Businesskostüm ist, sondern auch nicht hineinpassen würden, schlendern entspannt neben Männern, die keine Meldungen, sondern ihren Kinderwagen vor sich herschieben. Dazwischen Omas, die nicht viel älter als ihre Töchter aussehen. Die Kinder tragen neonfarbene T-Shirts und Jogginghosen. Sie werden eine Kindheit ohne Vollkornnudeln erleben und mit ihren Eltern niemals über Harry-Potter-Bücher reden müssen. Ihre Mutter wird zu ihnen niemals "Schatz, wenn du nicht aufhörst zu schreien, muss sich die Mami ärgern" sagen. Ihre Väter werden keine Psychotherapie machen, ihre Großmütter kein Kunstgeschichtestudium. Sie werden kein Theaterabonnement in der Josefstadt erben und nicht Sommerfrische machen, sondern auf Urlaub fahren. "Und? Zufrieden?", frage ich N.

Zwecks letzter Lockerung kehren wir dann noch ins "Schweizerhaus" ein. Vor diesen Stelzen sind alle Menschen gleich (nach diesen Stelzen übrigens auch - nämlich gleich satt). "Es wird ernst", sage ich zu N. "Wir gehen auf Tuchfühlung." (Der Standard/rondo/14/06/02)

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