EU-Konjunkturmotor kommt nicht in Fahrt

13. Juni 2002, 10:25
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Wifo: Erholung im EU-Raum nur zögernd trotz US-Aufschwung

Wien - In der EU kommt der Konjunkturaufschwung nur langsam in Gang. Der Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP) im Euroraum lag im 1. Quartal 2002 real um 0,2 Prozent über dem Vorquartal (plus 0,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr). In den USA hingegen sei die Rezession im 1. Quartal 2002 überwunden worden und das BIP sowohl gegenüber dem Vorquartal als auch gegenüber dem Vorjahr real um etwa 1,5 Prozent gewachsen. Wie das Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) am Donnerstag weiter mitteilte, trugen das stark gesenkte Zinsniveau, Steuerreduzierungen und eine Ausweitung der öffentlichen Ausgaben in den USA wesentlich zur Konjunkturwende bei, vor allem zur anhaltenden Stärke des privaten Konsums.

In Europa ist die Inlandsnachfrage bisher schwach geblieben. Die Arbeitslosigkeit werde heuer weiter steigen, dürfte aber mit zunehmender Dynamik des Aufschwungs im kommenden Jahr wieder zurückgehen. Derzeit sei kein markanter Inflationsdruck abzusehen, so Wifo-Experte Markus Marterbauer. Das Risiko für die weltweite Konjunktur bestehe in einem Anstieg der Sparquote in den USA, einer krisenbedingten Erhöhung der Rohölpreise und einem umfangreichen Sparpaket in Deutschland.

Lager werden aufgebaut

Wie für einen beginnenden Konjunkturaufschwung typisch, hätten die Unternehmen zu Jahresanfang wieder begonnen Lager aufzubauen. Dies sei ein weiterer Beleg für ein optimistischeres Geschäftsklima. Allerdings sei die Kapazitätsauslastung bisher noch zu niedrig, um die Unternehmen auch zu einer Ausweitung der Investitionen zu veranlassen. Das Anziehen der Nachfrage in den USA zeige sich auch in einem starken Anstieg der Importe. Dies trage zu einer weiteren Ausweitung des Defizits in der Leistungsbilanz bei, es könnte im kommenden Jahr 550 Mrd. Dollar (584 Mrd. Euro) erreichen.

Das Handelsbilanzaktivum der Länder der Euro-Zone dürfte heuer auf 1,25 Prozent des BIP steigen. Im Jahresdurchschnitt, so Marterbauer weiter, könne in der EU ein Wirtschaftswachstum von etwa 1,5 Prozent erwartet werden (entspricht dem Vorjahresniveau). Dies impliziere aber bereits Raten von mehr als 2,5 Prozent gegen Jahresende. Für das Jahr 2003 werde ein Wachstum von knapp 3 Prozent prognostiziert.

Arbeitsmarkt reagiert zögerlich

Mit zeitlicher Verzögerung werde der Arbeitsmarkt positiv auf die Ausweitung der Produktion reagieren. Heuer sei noch eine Zunahme der Arbeitslosenquote auf etwa 8,5 Prozent in der Euro-Zone und 7,75 Prozent in der EU zu beobachten. Unter der Annahme stabiler Preise auf den internationalen Rohölmärkten werde laut Prognosen ein Rückgang der Inflationsrate auf 2 Prozent erwartet.

Die Aufmerksamkeit der EU-Wirtschaftspolitik sollte sich auch zwei weiteren möglichen Problembereichen widmen: In Portugal vertiefen sich die makroökonomischen Ungleichgewichte, die in hoher Verschuldung des privaten Sektors sowie in steigenden Defiziten von Leistungsbilanz (2001 9,5 Prozent des BIP) und Staatshaushalt (knapp 3 Prozent des BIP) zum Ausdruck kommen.

Auch in den ostmitteleuropäischen Ländern (vor allem in Tschechien und Polen) bestehe in den letzten Jahren eine bedenkliche Tendenz zu einer realen Aufwertung der nationalen Währung gegenüber dem Euro. Dies könnte mittelfristig die Wettbewerbsfähigkeit der Exportwirtschaft der MOEL und damit den Aufholprozess gegenüber Westeuropa ernsthaft gefährden. (APA)

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