Metro als moderne Galerie

18. Juni 2002, 15:12
posten

Kunst verändert. Flughäfen, Bahnhöfe, Metro-Stationen. Moskau und Minsk stehen für den sozialistischen Realismus. Wien für den Surrealismus. Neapel geht einen Schritt weiter. Mit EU-Hilfe soll Kunst die Kriminalität bekämpfen.

Auf der Piazza Dante deutet auch jetzt noch nicht viel auf ein U-Bahn-Abenteuer der Sonderklasse hin. Gut, da steht ein eleganter Glaskubus, aber noch sind die Pläne eines autofreien Platzes wie vor dem Palazzo Reale nicht verwirklicht.

Früher lag die Piazza Dante an einer der großen Pforten Neapels, der Porta Reale. Heute ist sie ein Platz wie jeder andere. Aber die Busse, die ihn queren, gehören bereits zur neuen gelben Flotte, die vom Aufschwung-Bürgermeister Antonio Bassolino angeschafft wurde. Jetzt hat die Piazza Dante eine neue Funktion. Sie ist Ausgangspunkt der momentan spannendsten U-Bahn Europas. Man taucht hinunter ins Inferno einer modernen Kunstrevue. Von Station zu Station sechzig Meter tief.

Höhepunkt und tiefster Punkt zugleich ist das U-Bahn-Ambiente Salvator Rosa, wo der Bahnbau mit einer kleinen städtebaulichen Rebellion verbunden wurde. Neapel hat dort den Wohnbau mit infrastrukturellen Maßnahmen verbunden. Das ist neu. Camorra-gesteuerte Baufirmen haben mit Plattenbauten ohne Wasser und Strom Unsummen verdient.

Der Einsatz der Kunst soll die U-Bahn Neapels sakralisieren. Ihre Atmosphäre soll Respekt vermitteln und im Verein mit laufender Kontrolle jene Kleinkriminalität verhindern, welche die Basis für die größere ist. Seit drei Monaten fährt die neue gelbe Bahn, die Erwartungen haben sich erfüllt.

Zu den prominenten Künstlern, deren uvre kindlich-humorig oder vorwitzig-ernst geprägt ist gehören Mimmo und Salvatore Paladino (rund um den Eingang zu Salvator Rosa), Perino &Vele (vier schlafen gelegte Fiats), Santolo de Luca, Ugo Marano, Umberto Manzo sowie Michelangelo Pistoletto, Jannis Kounellis und Nicola de Maria, die international bekanntesten.

Diese Abfolge von Kunstflächen, Galerien und Spiegelkabinetten wird ergänzt durch eine farbenfrohe Lichtführung, die Psychologen vermuten lässt, dass sie die morgendliche Tristesse in Heiterkeit verwandelt. Vom pompejischen Rot in Salvator Rosa zu einem hellen, technokratischen Grau in der Station Dante bewegen sich die gelben Züge auf der unterirdischen Kunstmeile.

1993 gab es auf der alten Metrostrecke bereits vierzig Stationen auf 47 Kilometern, zum Großteil über der Erde geführt. Derzeit sind es 54 Stationen und 14 weitere Kilometer. Und 2012 sollten die Neapolitaner innerhalb von 500 Metern von ihrer Wohnung oder ihrem Arbeitsplatz eine Metro erreichen können. Dafür hat die EU rund vier Milliarden Euro zugesagt. Um ein System unter die Stadt zu legen, die auf Tuff erbaut ist und deren unterirdische Vergangenheit immer wieder zu archäologischen Überraschungen führt. (Der Standard/rondo/14/06/02)

Gerfried Sperl war am Tatort
  • Artikelbild
Share if you care.