Ein genialer Klon

14. Juni 2002, 14:30
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Ein Debüt am Rande der Selbstverleugnung: der junge kanadische Soulsänger Remy Shand und sein Problem mit Marvin Gaye

Mehrere Gedanken und Fragen drängen sich nach dem Hören von Remy Shands Debütalbum auf: Lebt Marvin Gaye doch noch? Singt hier Maxwells gleich nach der Geburt getrennter Zwilling? Aber auch: Wer braucht eigentlich ein Album, dessen Vorlage es ohnehin seit 24 Jahren käuflich zu erwerben gibt, nämlich Marvin Gayes Here, My Dear?

Tatsächlich könnte sich das als Klotz am Bein der eben beginnenden Karriere des gerade 23-jährigen Kanadiers Remy Shand erweisen. The Way I Feel heißt sein Album und es drängt sich musikalisch so nah an den Marvin Gaye der späten 70er-Jahre heran, dass man Shand dringend empfehlen möchte, sich zu emanzipieren, eine eigene Handschrift, einen persönlichen Stil zu entwickeln. Sogar eine ähnliche Wollmütze, wie Gaye sie früher trug, ziert am Cover sein Haupt! Shand leugnet diesen Umstand auch gar nicht, sondern bezeichnet Here, My Dear sogar als "seine persönliche Bibel". Kein Wunder also, dass The Way I Feel formal stark an jenes seltsame Gaye-Doppelalbum aus dem Jahr 1978 erinnert, dessen eingespielte Verkaufsgewinne dieser laut einem Gerichtsurteil seiner ersten Frau, Anna Gordy, der Schwester des Motown-Label-Gründers Berry Gordy, abtreten musste.

Entsprechend bitter und zynisch - siehe Albumtitel! - fiel dieses dann aus: Gaye schuf mitten in der boomenden Discoära eine aus dieser Zeit seltsam herausragende Arbeit, für die er die von ihm bekannten Stilmerkmale in selten gehörter Perfektion einsetzte: Verschlafen funky und von perfiden Andeutungen durchzogen legte er Here, My Dear an und produzierte so das für die schwarze Pop- und Soulschmiede Motown wohl düsterste und, als "Scheidungskonzept-Album", wohl auch bizarrste Werk seiner Geschichte. Doch im Vergleich zu Shand, der nun ebenfalls bei Motown veröffentlicht, konnte der damals fast vierzigjährige Gaye tatsächlich auf eine bewegte Vergangenheit zurückblicken - so sein in dieser Zeit exzessiv betriebener Drogenkonsum das zuließ. Das unterscheidet die beiden Alben wesentlich, den Shand erscheint diesbezüglich im Vergleich zu Gaye wie ein Backfisch in zu klein gewordenen Gewändern.

Natürlich verhandelt Shand - wie es sich für Soul gehört - zwischenmenschliche Belange. Dafür verwendet der Autodidakt bis auf eine Beatbox ausschließlich traditionelle Instrumente und durchleidet stilsicher elegante, keyboardlastige Midtempo-Balladen. Doch während andere Musiker des Neo-Soul - wie Macy Gray oder Maxwell - aus der selben Ausgangssituation heraus ihren eigenen Stil kreiert haben, erscheint Shand wie ein - wenn auch brillanter - Marvin-Gaye-Klon. Zwar versagt er sich der zeitgenössischen R&B-Ästhetik für betroffen klingen wollende und sich zwischen Rap und Gesang meist nicht entscheiden könnende Künstler. Damit kann er in einem Fach, in dem das Langzeitgedächtnis ohnehin kaum bis gar nicht vorhanden ist, zwar erstmals punkten - bloß, wie wird Shands nächstes Album wohl klingen? Droht da schon eine Karaoke-Zukunft? Wird Shand der Marvin Gaye für Arme? Der Ty Tender des Soul?

Ein eigenartiges Debüt. Man möchte Shand fast eine andere, ebenfalls aus dem Soul bekannte Empfehlung nahelegen: "Get a life!". Es wäre schade um das Potenzial dieses Mannes.
Der Standard/rondo/14/06/02

Von Karl Fluch

  • Remy Shand - The Way I Feel
    foto: motown/universal

    Remy Shand - The Way I Feel

  • Marvin Gaye - Here, My Dear(beide Motown/Universal)
    foto: motown/universal

    Marvin Gaye - Here, My Dear
    (beide Motown/Universal)

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