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19. Juni 2002, 09:56
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Mancher Mailverkehr bleibt so picken wie ein Kaugummi auf der Schuhsohle: auf jede Antwort eine Antwort eine Antwort. Helmut Spudich empfiehlt, den richtigen Umgang mit E-Mail zu trainieren

Danke. Aber bitte, gern geschehen. Dann bis zum nächsten Mal. Freu mich schon. Ja, ich auch. Man sieht sich. Und aus.

Von manchen E-Mail-Partnern ist nicht loszukommen. Haben Sie meine E-Mail bekommen? Schon gelesen? Was werden Sie mir antworten? Manche E-Mails haben die lästige Eigenschaft, zu unendlichen Ketten zu werden, die so picken bleiben wie ein Kaugummi. Auf jede Antwort eine Antwort eine Antwort, bis bald nur noch AW: AW: AW: AW: AW: im Betreff-Feld steht. Wer traut sich als Erstes aufzuhören und sein Gegenüber tödlich zu beleidigen?

SMS neigen übrigens dazu, dieselbe Dynamik zu entwickeln. Das freut die Mobilfunkbetreiber, weil jede SMS gleich eine Kette kleiner Gebührenexplosionen auslöst. Aus den Vorlagen im Handy lässt sich die tollste Korrespondenz bauen, ohne viel Tasten drücken zu müssen: Ich umarme dich. Ich dich auch! Gratuliere! Danke. In Ordnung.

E-Mail hat zwar eine steile Karriere gemacht, aber unser Umgang damit ist meist infantil. Nein, nicht weil man per E-Mail auch herrlich kindisch sein kann, sondern weil wir für die Mails, die wir zur Organisation unserer Arbeit und unseres Alltags gebrauchen, noch keine vernünftige Formen entwickelt haben. Zum Beispiel bei der Verwendung der Betreff-Zeile, die manche Mailer beharrlich ignorieren: Solche Mails kübelt man aus pädagogischen Gründen am besten gleich.

Oder bei der Erwartung einer Antwort: Gleich - sofort - im nächsten Augenblick - im Lauf des Tages - im Lauf der Woche - gar nicht? Kommt natürlich drauf an, wer wem was schreibt. Manche Mails verlangen keine Gegenmail, dafür aber eine Aktion auf Seiten des Empfängers. Dann hilft es, wenn man kurz brummt, und das möglichst bald, um den Empfang zu quittieren. Aber sehr häufig ist da einfach Funkstille, was so unangenehm ist wie Tasten, die nicht piepsen: Man weiß nicht, ob die Eingabe funktioniert hat. Eine Antwort auf die Antwort, mit der die Transaktion abgeschlossen ist, ist hingegen überflüssig. Oder in der Funkersprache ausgedrückt: Over and out. Bitte keine weitere Mail.

Jedenfalls ist es Zeit, den Alltagsformen mehr Augenmerk zuzuwenden. Unternehmen geben viel Geld dafür aus, Gesprächsführung zu trainieren - ein Teil davon sollte in den richtigen Umgang mit Mail fließen. Und für den privaten Gebrauch wären Mail-Selbsterfahrungsgruppen wohltuend. Und aus.
Der Standard/rondo/14/06/02

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