Im Reich des Vulkanteufels Guayote

12. Mai 2005, 10:22
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Teneriffa: Ausflugsziel für Millionen von Touristen ist der Pico del Teide, der höchste Berg Spaniens. Über das sensible Gleichgewicht der phantastischen Vulkanlandschaft wacht strenger Naturschutz

Natur gibt es hier in rauen Mengen. 18.990 Hektar Nationalpark, durchschnitten von einer einzigen Straße und einer Seilbahn, erstrecken sich rund um den Pico del Teide, der als riesige Pyramide aus der Mitte Teneriffas herauswächst. Allerdings ist der Teide kein gewöhnlicher Berg. An der 3718 Meter hohen Spitze der höchsten Erhebung Spaniens steigen heiße, schweflige Dämpfe auf, der letzte Ausbruch des mächtigsten Vulkans der Alten Welt liegt lediglich 200 Jahre zurück.

Noch einmal hundert Jahre früher zerstörte ein gigantischer Lavastrom die damalige Inselhauptstadt Garachico an der Nordküste. Als Kolumbus 1492 auf seiner Fahrt über den Atlantik am Teide vorübersegelte, erzwang die Mannschaft angesichts des gerade kilometerhoch Lava und Asche speienden Kraters beinahe den Abbruch des Unternehmens. Deswegen ist hier auch nichts grün. Neben spärlichen Flechten und eher unscheinbaren Ginsterbüschen gibt es in erster Linie Gestein: Schwarze Lavaströme, bizarre Basaltkerne alter Vulkanschlote, Quadratkilometer große Anhäufungen roter Lavabrocken, riesige Felder von feinem, weißen Bimsstein.

Die Natur hat hier ein karges Gesicht, und doch wollen alle etwas von ihr haben. Der deutsche Autokonzern Mercedes lässt die Gebrüder Gottschalk über die Canadas del Teide brausen, Chrysler parkt seine neuen Allrad-Modelle wirkungsvoll vor den Roques de García, Stéphanie von Monaco tanzt in der Einöde für den Videoclip zu ihrer neuesten CD. Nicht nur Autofirmen, Popsternchen und Modeketten sind von der magischen Vulkanlandschaft beeindruckt. Touristen - Deutsche vor allem - kommen hierher zum Wandern und Mountainbikefahren, die Inselbewohner lieben die Canadas als Ziel eines gemütlichen Wochenendausfluges. 10.340 Besucher in 2344 Pkws und 87 Bussen kommen laut Statistik täglich in den Nationalpark, das sind mehr als 3,5 Millionen Menschen jedes Jahr. "Dieser Ansturm ist nicht gerade einfach zu kontrollieren", meint Ramón Pena Diaz, einer der 90 Angestellten des Nationalparks, die dem Besucherstrom gegenüberstehen, "noch dazu, wo hier alles bis zum letzten Felsbrocken unter strengem Naturschutz steht. Nicht einmal ein Stückchen Bimsstein darf man mitgehen lassen!"

Um die strengen Auflagen auch durchzusetzen, bedient sich Diaz, der schon seit acht Jahren als Guide im Park arbeitet, öfters der Trickkiste und erzählt den Besuchern von Guayote, dem wutschnaubenden Teufel, der im Schlund des Teide lebt und nach einer Legende der Guanchen, der Ureinwohner Teneriffas, in seinem gewaltigen Zorn schon einmal die Sonne verschlingen kann. Der nachgeschobene Ratschlag, besser nichts zu zerstören oder mitzunehmen, um Guayote nicht unnötig zu ärgern und sich Probleme im Leben zu machen, zeitigt Wirkung. "Bei den eher abergläubischen Spaniern funktioniert das immer hundertprozentig, die lassen es da lieber nicht drauf ankommen.", meint der ausgebildete Biologe. Denn vor allem die Tinerfenos nutzen die Weiten der Lavafelder gerne als Picknickplatz für eine kleine Grillerei und nehmen es oft nicht so genau mit den strengen Regeln der Nationaparkverwaltung. Da legen schon eher die Touristen den nötigen staunenden Respekt an den Tag.

Schon Alexander von Humboldt, der auf dem Weg nach Südamerika in Teneriffa Station machte, war sofort vom Teide in Bann gezogen, mehr noch als vom berühmten botanischen Garten in La Orotava. "Der Pik beschäftigt lebhaft den Geist und lässt uns über die geheimnisvollen Quellen der vulkanischen Kräfte nachdenken" notierte er. Die geheimnisvollen Kräfte dieser unwirklichen Landschaft verfehlten ihre Wirkung auf den Geist des Forschungsreisenden jedenfalls nicht. Als er am 22. Juni 1799 nach sechs Stunden mühsamen Aufstiegs endlich auf dem Gipfel stand, umgeben von spärlich mit Flechten bedeckten Felsen und ein paar Teideveilchen im schwarzen Geröll, hatte im Kopf des 29-Jährigen die bahnbrechende Theorie der Vegetationszonen Gestalt angenommen.

Seine Entdeckung, dass die Pflanzen nicht einfach wild durcheinanderwachsen, sondern jeweils nur in einer bestimmten Höhenlage gedeihen, war die entscheidende Erkenntnis für die moderne Botanik und ein wichtiger Impuls für die Naturwissenschaften des angehenden 19. Jahrhunderts. Während Humboldt sich im detaillierten 30-bändigen Bericht seiner Forschungsreisen über die ihn fast zur Verzweiflung treibende Trägheit der Führer beklagt, geht heute naturgemäß alles viel schneller und bequemer.

Nur acht Minuten dauert der "Aufstieg" mit der Seilbahn aus der Hochebene der Caldera bis knapp unter den Gipfel. Der überwältigende Blick geht über die ganze Insel, auf dem Meer strecken die Berge von Gomera, La Palma und Gran Canaria ihre blauen Spitzen durch die Passatwolken, am Horizont sind die restlichen Inseln des Archipels auszumachen. Wenn man möchte, liegt man schon zwei Stunden später wieder am Strand, den man gerade noch aus schwindelnder Höhe 3555 Meter weiter unten im Dunst flirren gesehen hat. Sogar ein Kaffee in der Bar beim Besucherzentrum geht sich da noch aus.

Für den Aufstieg auf den Spuren Humboldts bis zum Kraterrand braucht es allerdings ein wenig Zeit und seit einigen Jahren die schriftliche Genehmigung der Nationalparkverwaltung, ansonsten ist am Ende der Aussichtsplattform der Seilbahnstation unweigerlich Schluss, da kennt der Parkwächter, der hier oben hinter einer coolen Sonnenbrille nach dem Rechten schaut, kein Erbarmen. Das betreffende Papier ist jedoch ohne Schwierigkeiten in St. Cruz zu erhalten, man will auf diese Weise die äußerst sensible Flora der Kraterregion vor der Million Menschen, die jährlich mit der Seilbahn auf den Vulkan befördert werden, beschützen.

Auch sonst ist Zeit am Teide nicht die schlechteste Investition. Es ist ein Privileg hier oben eine Nacht zu verbringen. Wenn die Seilbahn ihren Betrieb eingestellt hat, die Besuchermassen per Bus wieder in ihre Hotels nach Los Cristianos oder Puerto de la Cruz verfrachtet sind und auch Ramón Pena Diaz schon längst beim Abendessen zu Hause sitzt, erfährt der Begriff Natur seine kosmische Ausweitung. Ein überwältigender, von keiner künstlichen Lichtquelle beeinträchtigter Sternenhimmel spannt sich über die Hochebene. Dann hängt man irgendwo zwischen Himmel und Erde und möchte am liebsten gar nicht mehr aus dem kargen Reich Guayotes in die grünen Ebenen absteigen. (Evelyn Rois und Bruno Stubenrauch/DER STANDARD, Printausgabe)

Informationen:

Spanisches Fremdenverkehrsamt
Walfischgasse 8/14
1010 Wien
Tel.: 01 / 512 95 80
www.tourspain.es

Parque Nacional del Teide, C. Emilio Calzadilla 5, 38002 St. Cruz de Tenerife, Tel.: 0039 922 29 01 29; www.mma.es/parques;

Besucherzentren im Nationalpark:
El Portillo im Norden, Tel.: 0039 922 35 60 00,
Canada Blanca im Zentrum beim Parador, Tel.: 0039 922 37 33 91.

Die Hütte Refugio Altavista auf 3260 m bietet Schlafräume und eine Kochgelegenheit. Tel.: 0039 922 23 98 11.

Der Parador de las Canadas del Teide ist das einzige Hotel innerhalb des Nationalparks; Carretera la Orotava-Granadilla, 46,4 km, 38300 La Orotava, Tel.: 0039 922 38 64 15,
www.parador.es

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