Das Seziermesser der Kultur

12. Juni 2002, 20:22
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Ein Reader des IFK fordert den kritischen Blick auf den Politalltag

Ein Kampf tobt: Die Universitäten werden ökonomisch austariert, die für kurzsichtige Augen weniger gewinnträchtigen "Geisteswissenschaften" werden abgedrängt, die Medizinfakultät, seit Hippokrates in philosophischer Tradition, verlässt die alten Geistesgebäude endgültig, um eine eigene Universität zu gründen, abgekoppelt von lästigen Kollegen, die nach Ethik fragen, nach politischen Verhältnissen, nach geschichtlichem Verständnis des Menschen.

Was können hier die "Kulturwissenschaften" noch bewirken? Sie finden großen Zulauf, besonders unter jungen ForscherInnen, und blühen im außeruniversitären Bereich, etwa am Wiener Institut für Kulturwissenschaften (IFK). Dieses legte soeben eine gute Einführung in wichtige Positionen vor: "Kulturwissenschaften. Forschung - Praxis - Positionen", hg. von Lutz Musner und Gotthard Wunberg, WUV 2002.

Was meint der Begriff "Kulturwissenschaften"? Er meint sicher nicht, wie Hartmut Böhme im schwächsten Beitrag des Bandes behauptet, eine Fortführung von "Kulturgeschichte". Das ist zu "abgehoben", zu weit weg von politischen und ökonomischen Kämpfen im Alltag. Eine Definition ist aber nicht so leicht zu geben, weil, wie Lawrence Grossberg zeigt, nicht der Verweis auf ein umgrenztes Gegenstandsgebiet genügt. (Wenn die Biologie etwa sagt, ihr Gegenstand sei "das Leben", so fragt der Kulturwissenschafter: In welchen Abhängigkeiten vollziehen sich deren Forschungsfragen? - Er sucht also nach Kontexten und Spannungen.)

Grundlage für die Kulturwissenschaft war der Wandel des Kulturbegriffs, den Rolf Lindner nachzeichnet: Die Aufhebung der üblichen Trennung von Hochkultur und Populärkultur geht zurück auf Raymond Williams, der 1958 postulierte: "Culture is ordinary". Bis dorthin galt gerade in England "Kultur" als Privileg einer Klasse, die Kultur "hat". In den angelsächsischen "Cultural Studies" dominiert deshalb bis heute die Analyse der Alltagskultur: von Arbeitern, Jugendlichen, von Pop und Mode, immer in ihren politischen Zusammenhängen.

Es stimmt, wie Christoph Gerbel in der Einleitung meint, dass demgegenüber die deutsche Tradition der Kulturwissenschaft stärker an Phänomenen des "Überbaus" interessiert ist: Sind Verhaltensweisen zu lesen "wie Texte"? Aber dieser Band plädiert massiv für einen "Kulturbegriff, der internationalen Zusammenhängen, wie etwa der Globalisierung, zugewandt ist".

Das bündelt auch die Hauptrichtungen, in denen "Kulturwissenschaft" betrieben wird: Analysen von Fremd- und Feindbildern, der Wandel in der Gedächtniskultur zwischen den Generationen (Alaida Assmann), Geschlechterrollen. Fazit: Gefordert wird eine "Kultur", die keinem Konflikt ausweicht. (DER STANDARD, Printausgabe, 13.6.2002)

Von
Richard Reichensperger
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