Die Vertreibung aus tschechischer Sicht

12. Juni 2002, 19:23
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Heikles Thema Sudetendeutsche - der Tscheche Tomas Stanek stützt sich auf Dokumente der Verfolger

Literatur über die Vertreibung der deutschstämmigen Bevölkerung aus Böhmen und Mähren hat meistens einen revanchistischen Unterton - und die Beispiele für die Gräuel gelten, weil kaum dokumentiert, vielen als Gräuelpropaganda. Der Tscheche Tomas Stanek aber stützt sich auf Dokumente, nämlich die der Verfolger.

Er bemüht sich, nichts zu beschönigen, nichts zu entschuldigen - aber umso genauer zu erklären: "So setzten sich Vergeltungstendenzen durch, welche selbst durch habgierige und aggressive Neigungen motiviert waren; insbesondere moralisch abgesunkene Einzelpersonen lebten sich in Gewaltakten aus." Ein besonderes System sei da noch nicht dahinter gesteckt, wohl aber bei der Aufstellung der so genannten "Bereitschaftsabteilungen der Nationalen Sicherheit": Mitglieder sollten "der Staatsideologie der Volksdemokratie ergeben" sein, wie es ganz offiziell hieß.

Stanek belegt, wie das antifaschistische System der Revolutionsgarden den Deutschenhass schürte: "Weil sich alle Schichten der deutschen Bevölkerung zum nationalsozialistischen Gedankengut bekannten, ist es notwendig, sie alle als unsere Feinde zu betrachten", hieß es etwa am 29. Mai 1945 in einem Tagesbefehl. Andererseits klärt Stanek auch darüber auf, dass für jene, die selbst die Gräuel der deutschen Kriegsführung an der Ostfront erlebt hatten, "in der Tat nur geringer Anlass (bestand), sich rücksichtsvoll zu benehmen". Wo es ihm möglich war - etwa beim "Vergeltungsfeldzug" in Totzau -, rechnet Stanek die ungenauen deutschen Opferangaben (31 bis 34) nach und dokumentiert, wie viele (32) wie starben - so weit wie möglich. Nicht um neuen Hass zu schüren. Sondern um klarzustellen, wie es wirklich war. (Conrad Seidl/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13. 6. 2002)

Tomas Stanek: Verfolgung 1945. Die Stellung der Deutschen in Böhmen, Mähren und Schlesien
Böhlau Verlag, Wien, 2002 261 Seiten, EURO 24,90
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