Unerfüllte Wünsche der armen Länder

12. Juni 2002, 18:58
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NGOs üben massive Kritik an Welternährungskonferenz - Enttäuschung über reiche Staaten

Wenn José Bové, Vorkämpfer für die französischen Bauernrechte, das Wort ergreift, füllt sich der Saal in wenigen Minuten. Doch auch die Namenlosen finden hier durchaus Gehör: Landarbeiter aus Guatemala in ihrer bunten Tracht, vietnamesische Reisbauern und Fischer aus Sudan. Sie gehören zu den 800 Teilnehmern des Forums der NGOs im römischen Kongresspalast. Das ist die Parallelveranstaltung zum internationalen Welternährungskongress, der in Rom tagt.

Größer könnte der Gegensatz zum drei Kilometer entfernten Food-Summit kaum sein: Während die FAO einer Festung gleicht, geht hier jeder nach Belieben ein und aus. Wird auf der Ernährungskonferenz jedem Redner nach sieben Minuten das Mikrofon abgeschaltet, ist hier freier Meinungsaustausch oberstes Gebot. Hier trifft man die deutsche Verbraucherministerin Renate Künast im Gespräch mit der indischen Ökologin Vandana Shiva, die UN-Kommissarin für Menschenrechte Mary Robinson beim Gedankenaustausch mit dem Schweizer Soziologen Jean Ziegler.

Landlose aus Lateinamerika schildern ihre Probleme, Bauern aus Burkina Faso erläutern ihre Sorgen. Sie alle verbindet eine Überzeugung: der World Food Summit löst keines der dramatischen Probleme von Hunger und Unterentwicklung.

"Man wird die armen Länder mit genetisch veränderten Lebensmitteln überschwemmen", fürchtet Vandana Shiva. Die ehemalige Atomphysikerin, die sich für die Erhaltung der Artenvielfalt einsetzt, kritisiert die Ernährungskonferenz. "Die Wünsche der armen Länder werden nicht berücksichtigt", so Shiva zum STANDARD.

Der brasilianische Jesuit Alfredo Goncalves geht mit den Handelsbarrieren hart ins Gericht: "Die 15 wichtigsten brasilianischen Exportgüter sind in den USA mit 50 Prozent Zoll belegt, die amerikanischen in Brasilien mit 14 Prozent."

Der US-Nobelpreisträger Joseph Stiglitz sieht in der Globalisierung eine Einbahnstraße. "Es ist der Protektionismus der reichen Länder, der die armen noch ärmer macht."

Michael Windfuhr, Vorsitzender des Food Information and Action Network, prangert missbräuchliche Lebensmittelhilfe an: "Die Nahrungsmittel müssen von denen erzeugt werden, die sie verbrauchen. Und dazu müssen wir Hilfe leisten." Paolo Groppo, Agrarexperte, der angolanische Bauern mit neuen Anbaumethoden vertraut macht, bringt das Dilemma auf den Punkt: "Die Produktivität ist dort 500-mal geringer als bei uns."

Die Bekämpfung des Hungers ist nach den Worten von Marcela Villarreal, Aidsexpertin der UNO, das beste Mittel gegen die Immunschwäche Aids und deren Erreger HIV: "Ein Mensch, der nicht hungrig ist, hat auch keinen Grund, seinen Körper zu verkaufen." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13. 6. 2002)

Von Gerhard Mumelter aus Rom

FAO
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