"John Q.": Erpresser der Tränen

27. Juli 2004, 16:29
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Denzel Washington kämpft um das Herz seines Sohnes

Wien - In Herzensangelegenheiten hilft nicht immer der Chirurg. Zunächst gilt es, an das moralische Gewissen derjenigen zu appellieren, die über die nötigen Mittel verfügen, den Chirurgen zu bezahlen. Wer also ein neues Herz begehrt, der muss erst eines erweichen - das ist die bittere Lektion, die einen durchschnittlichen US-Familienvater in Nick Cassavetes' Filmmelodram John Q. dazu bringt, Patienten und Ärzte der Notaufnahme eines Krankenhauses in Geiselhaft zu nehmen.

Das Dilemma von John Q., den der heuer für eine ungleich ambivalentere Rolle oscargekrönte Denzel Washington (Training Day) spielt, hat seine Ursache im maroden Sozialsystem der USA. Er ist Fabriksarbeiter auf Teilzeit, gleich zu Beginn des Films wird sein Auto gepfändet, und als seinen Sohn nur noch eine Herztransplantation retten kann, erfährt er, dass seine Versicherung abgestuft wurde und sie deshalb den Eingriff nicht deckt.

Für ein Hollywooddrama dieser Größenordnung sind sowohl die proletarische Typisierung der Figur wie auch das Thema der Gesundheitsvorsorge eher untypisch. Allerdings verbucht John Q., wie ähnlich vordergründig sozial "engagierte" Filme der letzten Zeit (Pay It Forward, Erin Brockovich), diese Aspekte auf der Habenseite, wo auf der Sollseite vor allem die Empathie des Zuschauers steht.

John Q., der sich zunächst den Windmühlen der Bürokratie entgegenstellt, sieht nur in einem kriminellen Akt und das Drehbuch damit nur in den aus dem TV entlehnten, formelhaften Krankenhaus-Psychodrama einen Ausweg. Dieses gleicht hier eher einem Seminar für angewandte Ethik: Ärzte (James Woods als Starkardiologe) sollen sich wieder ihres hippokratischen Eids besinnen, Gewalt gegen Frauen wird geahndet, gegen die Institution toleriert.

Außerhalb der Notaufnahme wird dieser Diskurs weiter fortgesetzt, zwischen dem altgedienten good cop (Robert Duvall) und dem narzisstischen bad cop (Ray Liotta) sowie polizeilichen und medialen Überwachungsszenarien - wobei erst die TV-Bilder die pragmatische Spitalschefin zu Tränen rühren, weil sie so zur Zeugin eines Dialogs zwischen Vater und Sohn wird.

Cassavetes trägt in John Q. in so gut wie jeder Hinsicht (zu) dick auf: Er zelebriert das Pathos mit Zeitlupenaufnahmen, klatscht darüber noch zähe R-'n'-B-Titel und sucht die emotionellsten Lösungen, ohne sich um Plausibilität zu scheren. Mitunter gerät der Film derart marktschreierisch in seinem Anliegen, so exzessiv in der Darstellung, dass man das beinahe wieder als melodramatische Qualität missverstehen könnte.

Dafür fehlt es dann aber doch an Ambivalenz, zumindest in der Charakterisierung des amoklaufenden Vaters: Wenn dieser nicht einmal davor zurückschreckt, sich selbst als Spender anzubieten und seinem Sprössling mit dem Organ auch Weisheiten für die Zukunft mitgeben will, dann überstrapaziert er das Einfühlungsvermögen seines Publikums und sorgt vielmehr für herzhafte Erschütterungen des Zwerchfells. (DER STANDARD, Printausgabe, 13.6.2002)

Von
Dominik Kamalzadeh

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Ab Freitag im Kino
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