Es gibt sie noch, die guten Dinge

12. Juni 2002, 19:45
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Pianist Alfred Brendel im Wiener Musikverein mit Mozart, Schubert und Brahms

Wien - Ach, Brendel. Er ist ein solitärer Musikmacher, ein kindlicher Titan, genauer: ein intellektueller Kindskopf. Spielt Brendel Klavier, ist er die Musik, in jedem Moment - lebt, erlebt die Emotion in berührender Echtheit. Neben der Ehrlichkeit der Empfindung ist bei ihm auch die Sorgfältigkeit derselben einzig: Die intellektuelle Redlichkeit, mit der er die Stücke untersucht hat, studiert hat, bringt dies mit sich.

Brendel, so Brendel, spielt nicht die Noten, sondern deren Sinn. Immer. Unverwechselbar auch Brendels Mimik: wie sein zuckendes, zersorgtes Gesicht sein Spiel verdeutlicht, Stimmungsanzeiger ist, Hör-Lehrmeister. Die klangliche Bandbreite seines Spiels ist etwas weniger vielfältig als die emotionale; so kommt das Paradoxon zustande, dass man bei Brendel mehr hört, wenn man auch zum Pianisten hinschaut.

Den Mozart (D-Dur Sonate KV 311 und die späte F-Dur Sonate, die nie jemand spielt) gab Brendel trocken, fast artifiziell humorvoll. Das Ende des 494er-Rondos, wenn Mozart nach vielem Verzierungstrallala das Thema in die tiefe Lage sacken lässt: unvergleichlich, wie er da zurücknahm, erlosch. Fast verzagt begann er den Schubert (c-Moll Sonate D 958), um das nachfolgende Crescendo nach As-Dur umso größer wachsen lassen zu können.

Im Adagio fesselte die unerhörte Dichte der Stimmungs-, der Lichtwechsel; das cis-Moll-Thema mit den Quintsprüngen (vierter Satz) war von diabolischer Präzision und Lust, bei den Crescendi ebendort wurde man fast aus dem Sitz gezogen vor lauter Energie und Euphorie. Die Vierte der Vier Balladen op. 10 von Johannes Brahms: Und Brendel hielt die Zeit an.

Der zugegebene Schubert (Tänze, Walzer): ein Stimmungskonzentrat ohne Gleichen. Die einfachste Musik überhaupt, aus der er doch alle Gesichter des Leben schauen ließ. Ach, Brendel. (DER STANDARD, Printausgabe, 13.6.2002)

Von
Stefan Ender

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