Agnellis ohne Fiat - "Perch´e no?"

12. Juni 2002, 17:30
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Der kleine Bruder Umberto bastelt am Ausstieg des mächtigen Clans aus dem Autogeschäft

Rund hundert Jahre hat die Turiner Unternehmerfamilie Agnelli die Industrie- und Unternehmenspolitik Italiens wesentlich beeinflusst. Mit der Krise des Fiat-Konzerns ist auch das Ende des Familienkapitalismus und der Abstieg einer der größten Unternehmerfamilien Europas verbunden. Denn seit der Gründung von Fiat (Fabbrica italiana automobili Torino) vor rund 100 Jahren agierten die Agnellis wie ein eigener Staat im Staate. Nicht nur zur Zeit des Faschismus hatten die Agnellis Einfluss auf die Politik. Die Schwester von Giovanni Agnelli, Susanna, war jahrelang Außenministerin, der "avvocato" (Fiat-Ehrenpräsident Giovanni Agnelli) selbst ist Senator auf Lebenszeit. Als Präsidenten des Unternehmerverbandes Confindustria mischten die Brüder Agnelli bei wichtigen sozialpolitischen Entscheidungen mit.

Nach dem Tod des "Kronprinzen", des 33-jährigen Agnelli-Neffen und Sohn von Umberto Agnelli, Giovanni Alberto, vor drei Jahren, begann der Glanz des Imperiums zu verblassen. Zwar wurde der 26-jährige Enkelsohn des charismatischen "avvocato" als Nachfolger bestimmt. Er hat aber kaum die Vorausset zungen, den Konzern aus seiner schwierigen Lage zu bringen. Seit Giovanni schwer erkrankt ist, trägt sein jüngerer Bruder Umberto die Verantwortung für das Imperium und arbeitet an einer Zukunft ohne Fiat: "Die Beteiligung unserer Familie an Fiat ist zurzeit strategisch. Das heißt aber nicht, dass dies ewig so bleiben muss."

Die Interessen des inzwischen 200 Mitglieder zählenden Familienclans sind für den 68-jährigen Juristen wichtiger, als die Fiat-Autoindustrie vor ausländischem Einfluss zu schützen. Damit steht er im Kontrast zu Giovanni, der mehr als ein anderer am Autogeschäft hängt und einen Ausstieg als persönliche Niederlage empfinden würde.

Der um 14 Jahre jüngere Umberto stand jahrzehntelang im Schatten seines Bruders. Als kluger Investor ist es ihm gelungen, seinen eigenen Weg zu finden und die Beteiligungen der beiden Familienholdings Ifil und Ifi zu diversifizieren. Im Gegensatz zu Giovanni war er nie ein Lebemann, ihm fehlt das Charisma des "avvocato". Wenn der Agnelli-Clan den Ausstieg aus dem verlustreichen Autogeschäft will, wird er ihm diesen Wunsch erfüllen. (tkb, Der Standard, Printausgabe, 13.06.2002)

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