Paradeunternehmen in der Krise

13. Juni 2002, 18:45
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Modell- und Managementfehler beschleunigen den Untergang des südeuropäischen Familienkapitalismus

Der Rücktritt von Fiat-Konzernchef Paolo Cantarella ist der entscheidende Wendepunkt in der seit gut einem halben Jahr schwelenden Fiat- Krise. Er ist aber sicherlich nicht der letzte Schritt, der für die Sanierung des angeschlagenen Konzerns getan wird. Es wird nicht nur ein weiteres Köpferollen erwartet, nachdem bereits die Posten des Finanzchefs und des Marketingdirektors wackeln. Ein drastischer Kosten- und Personalabbau, jährliche Investitionen von 2,4 Mrd. Euro in neue Modelle, stärkeres Engagement auf dem europäischen Automarkt sollen Italiens größten Industriekonzern wieder auf Trab bringen.

Achillesferse Auto

Die Situation beim einstigen nationalen Flaggschiff hat sich nach der Veröffentlichung der Quartalsergebnisse 2002 noch zugespitzt. Nicht nur Fiat Auto lag mit knapp 500 Mio. Euro tief in roten Zahlen. Auch bei anderen Fiat-Töchtern, u. a. im Kfz-Teilsektor und im Roboterbereich, wurden Verluste geschrieben. Sicherlich ist aber die Fiat-Autosparte, auf die rund 40 Prozent des Konzernumsatzes entfallen, die eigentliche Achillesferse des Turiner Konzerns. "Ohne Auto", so ein Analyst in Mailand, wäre der Konzern ein ertragkräftiges Unternehmen. Die Auto-Absatzkrise (Fiats Autoverkauf ging in Italien um 18 Prozent zurück) wurde von einer Manager-, Marketing- und Technologiekrise verstärkt. Im vergangenen Winter verließ bereits Fiat-Autochef Roberto Testore das sinkende Schiff. Ihm wurde eine verfehlte Produktpolitik nachgesagt. Konzernchef Paolo Cantarella schied nun vom Konzern aus, da er es nicht zustande brachte, den bereits im Winter veröffentlichten Sanierungsplan zügig durchzusetzen. Präsident Paolo Fresco soll als neuer Chef das Ärgste verhindern.

Der Abstieg des nationalen Flaggschiffs lässt sich auch an der Eile von Notverkäufen von Beteiligungen ablesen. Die zum Verkauf stehenden Töchter wie Magneti Marelli Teksid (Aluminium) und Comau (Roboter) warten immer noch auf ernste Interessenten. Fiat will seine attraktiven Beteiligungen nicht zu Ausverkaufpreisen verschleudern und zögert daher mit dem Verkauf. Das hat dazu geführt, dass die Nettoschulden von 6,6 Mrd. Euro noch nicht abgebaut wurden. Nun sollen sie bis Jahresende auf drei Mrd. Euro sinken. Die großen Gläubigerbanken haben bereits einer Umstrukturierung der Schulden zugestimmt. Sie wollen auch einen Teil der von Fiat zu 38 Prozent kontrollierten Italenergia, des größten privaten Energiekonzerns des Landes, übernehmen. Auch will Fiat den Formel-1-Weltmeister Ferrari und laut Gerüchten auch Alfa Romeo an die Börse bringen.

Ist GM am Zug?

Die finanzielle Sanierung ist damit eingeleitet und hat gute Möglichkeiten, zeitgerecht umgesetzt zu werden. Die große Frage heißt: Was geschieht mit Fiat Auto? General Motors hat ab dem Jahr 2004 eine Option auf die restlichen 80 Prozent Fiat-Auto-Anteile inne. Angeblich sollen bereits Gespräche mit GM geführt werden, die Fiat-Auto-Beteiligung an den amerikanischen Partner vorzeitig abzugeben. Befürworter dieser These sind nicht nur der Fiat Präsident Paolo Cantarella sondern auch Umberto Agnelli, der jüngere Bruder des Fiat-Patriachen "avvocato" Gianni Agnelli. Fraglich ist aber, ob General Motors die Option vorzeitig nutzen will.

Da Fiat noch reichliche Überkapazitäten aufweist, gilt ein sofortiges Engagement als eher unwahrscheinlich. Warum sollte sich auch General Motors, die selbst in Europa mit der angeschlagenen Tochter Opel genug zu tun hat, zusätzlich noch die Bürde der Fiat-Sanierung aufladen? Sicher ist jedoch, dass der Einfluss von GM auf Fiat Auto schon heute größer ist, als es die reine Kapitalbeteiligung (20 Prozent) signalisiert. (Thesy Kness-Bastaroli, Der Standard, Printausgabe, 13.06.2002)

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