Nepal: "Wir müssen den Frieden erzwingen"

13. Juni 2002, 10:31
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Seit Jahren tobt im Himalayastaat ein blutiger Bürgerkrieg zwischen Regierung und maoistischen Rebellen Auch Al-Qa‘ida-Kämpfer sollen im Einsatz stehen.

"Wir müssen den Frieden erzwingen!" Sher Bahadur Deuba, der Premierminister im Himalayastaat, klingt zu allem entschlossen. Reger Betrieb herrscht nur auf dem militärischen Teil des Flugfeldes von Kathmandu. Internationale Flüge sind selten geworden. Hubschrauber werden beladen für Kampfeinsätze gegen die aufständischen "Maoisten". Der Krieg findet fern der Hauptstadt statt, im unzugänglichen Nordwesten, in den ärmsten Provinzen wie Rolpa, Dang und Gulmi - in auf dem Landweg kaum zugänglichen Orten.

Über 4000 Tote hat der seit 1996 schwelende Bürgerkrieg gefordert, täglich kommen neue hinzu. Genaue Zahlen sind unklar, da die "Maoisten" versuchen, ihre Toten mit in die Berge zu nehmen. Hartnäckig halten sich Gerüchte über Söldner der tamilischen Tiger aus Sri Lanka und muslimischer Al-Qa’ida-Kämpfer in ihren Reihen.

Und so intensiviert der Staat den militärischen Druck. Die Reise des Premiers zur Weltmacht USA brachte 20 Millionen US-Dollar Militärhilfe. Seit letzter Woche bietet auch China seine Unterstützung gegen die "Maoisten" an. Rebellenführer Pachandra verspricht lakonisch, das Nepal der "feudalen Autokraten" in ein neues Vietnam zu verwandeln. "Pure Propaganda", tönt es aus neu motivierten Militärkreisen dagegen.

Einen jetzt von den geschwächten Kadern angebotenen Waffenstillstand weist der martialisch gewordene nepalesische Premier zurück. Auf seinen Wunsch hat der König jetzt das Parlament aufgelöst, ein großer Rückschlag für die Demokratie, nachdem zuvor auch der Oberkommandierende der Streitkräfte, Prajjawal Shumshere, harte Maßnahmen von den zerstrittenen Abgeordneten und eine Verlängerung autoritärer Maßnahmen eingefordert hatte.

Wirtschaftliche Apathie liegt über dem Tal von Kathmandu. Die Menschen leiden schwer unter dem seit November 2001 verhängten Ausnahmezustand. Um 80 Prozent wurden die Staatsausgaben zugunsten der Kriegsfinanzierung erhöht. Der Tourismus ist eingebrochen - Luxushotels wie das Hyatt sind nur zu fünf Prozent belegt. Doch kein Reisender wurde bis heute verletzt. Lediglich von einer gelegentlichen "Revolutionssteuer" der Maoisten auf dem Lande wird berichtet, Ärgernis auch für die weniger werdenden Entwicklungshelfer, die aus dem ländlichen Bereich abgezogen werden und sich in der Hauptstadt langweilen.

Traude Thapa, Gattin des österreichischen Honorarkonsuls, äußert sich dennoch positiv für den Tourismus: "Populäre Destinationen wie Pokhara, Chitwan Nationalpark und Langtang gelten für Reisende weiter als sicher." Eine Lösung für den Konflikt sehen die meisten Verantwortlichen aus Staatskreisen in nächster Zeit nur mehr in weiterer gezielter militärischer Schwächung der Terroristen. "Aber auch die Dialogbereitschaft mit gemäßigten Teilen der Aufrührer sollte gesucht werde", sinniert ein ehemaliger hoher Polizeioffizier über die Lage im zerrissenen Land. Nur dann bestünde Hoffnung auf einen nationalen Neuanfang mit der angekündigten Neuwahl des Parlaments am 11. November. (DER STANDARD, Printausgabe, 13.6.2002)

Stefan Thelen aus Kathmandu
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