Avineri für saudisches Protektorat in besetzten Gebieten

12. Juni 2002, 15:22
12 Postings

Israelischer Politologe: Israel hat keinen Ansprechpartner mehr - Arafat "bester Schüler von Clausewitz" im Nahen Osten

Wien - Der Politikwissenschaftsprofessor der Hebrew University in Jerusalem Shlomo Avineri hat sich für die Errichtung eines saudischen Protektorats in den von Israel besetzten palästinensischen Gebieten ausgesprochen. "Israel hat auf palästinensischer Seite keinen Ansprechpartner mehr", erklärte Avineri am Dienstagabend in einem Vortrag in Wien. Israel sollte sich aus den besetzten Gebieten zurückziehen, die am stärksten isolierten jüdischen Siedlungen aufgeben und die Grenzen sichern. Es müssten "klare" Grenzen wie zu Syrien errichtet werden, so Avineri.

Die große Mehrheit der Selbstmordattentäter kämen aus dem Westjordanland, da die Grenzen zu Israel durchlässig seien, und nur wenige aus dem grenzdichten Gaza-Streifen, sagte Avineri. Er hält einen gemeinsamen grenzoffenen Markt mit den palästinensischen Gebieten für nicht relevant und befürwortet einen von den arabischen Staaten initiierten Marshall-Plan.

"Jenin war die Antwort einer von Terrorismus traumatisierten Gesellschaft", betonte Avineri. 70 Prozent der Israelis hätten den Einmarsch der israelischen Armee in Jenin befürwortet, also auch die politische Linke. Die palästinensische Autonomiebehörde sei "unfähig", Strukturen aufzubauen, die nicht von Terrorismus kontaminiert seien.

Auch Palästinenserchef Yasser Arafat sei ein Drahtzieher von Terroranschlägen, sagte Avineri. Er sei "der beste Schüler von Clausewitz im Nahen Osten", da er "Terrorismus als Fortsetzung von Diplomatie" erachte. Selbstmordattentäter würden in den besetzten Gebieten Staatsbegräbnisse erhalten und ihre Biografien an den Schulen als Vorbild unterrichtet werden. Die Hinterbliebenen von Selbstmordattentäter erhielten eine Pension. "Kein Staat der Welt kann sich so etwas gefallen lassen."

Avineri sieht in einem saudiarabischen Protektorat die Möglichkeit einer Stabilisierung, an Versöhnung glaubt er im derzeitigen Zustand allerdings nicht. Das Abkommen von Oslo sei ein Meilenstein gewesen, da Israel die PLO anerkannt und Arafat sich kompromissbereit gezeigt habe. Alle Beteiligten hätten jedoch zu diesem Zeitpunkt gewusst, dass Friede nicht über Nacht kommen würde. Die Ablehnung des "historischen Vorschlags" des ehemaligen israelischen Ministerpräsidenten Ehud Barak in Camp David im Sommer 2000 durch Arafat sei für die israelische Linke und das Zentrum eine "große Enttäuschung" gewesen.

Barak sei der erste israelische Premierminister gewesen, der sich für einen palästinensischen Staat ausgesprochen habe und der eine Teilung Jerusalems akzeptiert hätte, sagte der Politologe. Arafat hingegen habe auch die Rückkehr der 1948 geflüchteten Palästinenser nach Israel gefordert. Mit Arafats "Salamitaktik" wäre die Legitimität Israels in Frage gestellt geworden.(APA)

Share if you care.