"HeldInnen leben nicht in der klassischen Kleinfamilie"

27. Juni 2002, 12:03
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Die Autorin Lilly Axster anlässlich der Uraufführung ihres Theaterstücks "Feuerrot" im Gespräch

In memoriam Astrid Lindgren feiert Lotte Langtrumpf ihren 60. Geburtstag. Die einstigen UtopieträgerInnen kommen unerwartet zu Besuch und fordern sie heraus. dieStandard.at lud Lilly Axster, die Autorin des Theaterstücks "Feuerrot", zum Gespräch. Die Mitbegründerin des Theater Foxfire wurde nicht zuletzt durch "Königinnen" und "Verhüten und Verfärben" (Niederländisch-Deutscher Jugenddramatikerpreis 2001) einem breiteren Wiener Publikum bekannt.

dieStandard.at: Wie ist die Idee zu "Feuerrot" entstanden? Woher der Titel?

Lilly Axster: Die Idee zu dem Stück ist aus meinem Amüsement darüber entstanden, wie diese Kinderbuchfiguren wohl heute aussähen und was sie denken und tun würden. Und ein weiterer Aufhänger war die blau-schwarze Familienpolitik. Ich habe überlegt, was eigentlich Kinder heute neben TV und Computer als HeldInnen über Bücher angeboten bekommen. Ich habe festgestellt, dass Pippi nach wie vor aktuell ist und auch Momo (gerade ist ja der neue Film ins Kino gekommen) und auch der kleine Prinz. Aber auch Harry Potter und die neueren Figuren sind fast alle entweder Waisen oder Halbwaisen oder leben jedenfalls nicht in der klassischen, von blau-schwarz propagierten Kleinfamilie. Im Gegenteil. Offenbar scheint also ein interessantes Kinderleben in diesem Kleinfamilienrahmen nicht denkbar oder interessant zu sein. Das war die zweite Spur, die mich zum Schreiben des Stückes gebracht hat.

Der Titel ist so entstanden, wie Titel bei mir entstehen. Ich habe keinen und dann muss schnell einer her für irgendeine Ankündigung. Feuerrot waren, quasi als Markenzeichen, die Haare von Pippi und der Roten Zora. Und ich finde es ein schönes Wort.

dieStandard.at: Was ist deine persönliche (politische) Utopie - gerade angesichts der Figuren des Stückes?

Lilly Axster: Meine persönliche politische Utopie kann ich nicht kurz beschreiben. Was mich mit den Utopien der Figuren im Stück verbindet, ist eine unbedingte Selbstbestimmtheit wider gesellschaftliche Normen, eine Radikalität im Denken oder/und Handeln und ein Stoppen der sogenannten grauen Herren (momo), d.h. das Ende des Diktats der multinationalen Konzerne und der Wirtschafts- und Gesellschaftsideologie, die solche Kolosse überhaupt erst möglich machen. Momo besiegt die einfach. Das ist doch genial.

dieStandard.at: Wie bist du mit Astrid Lindgren groß geworden?

Lilly Axster: Ich bin über die Bücher mit Astrid Lindgren groß geworden. Weniger, eigentlich gar nicht über die Filme. Ich habe selber Pippi gespielt, war an Fasching Pippi undsoweiter. Die anderen Figuren, wie zum Beispiel die Brüder Löwenherz, habe ich erst als Erwachsene kennengelernt. Aber Pippi war eine wichtige Figur für mich als kleines Mädchen.

dieStandard.at: Und was ist als nächstes geplant?

Lilly Axster: Als Nächstes wird es wahrscheinlich ein Stück für Kinder im Volksschulalter geben - mit dem Thema Sexualität, Körper, Genuss an und mit sich selbst. Ich möchte versuchen, dafür Bilder und eine Sprache zu finden jenseits jedes Aufklärungsgestus.


"Feuerrot" im Detail

Lotte Langtrumpf wird 60. Und feiert das Leben. Ohne Rücksicht auf Verluste.

Das schwedische Fernsehen überträgt weltweit aus der alten Villa Bunterhund live das große Geburtstagsfest. Prominente aus 45 Ländern sind angesagt. Aber zunächst kommen unerwartete Gäste: Thomas und Anni K., Monika Moser (kurz MoMo), der kleine Gabriel Prinz und Frau Rosa Zora, alle deutlich in die Jahre gekommen. Sie fordern Lotte Langtrumpf heraus. Im kleinsten Kreis und doch vor aller Weltöffentlichkeit werfen die einstigen UtopieträgerInnen noch einmal ihre ganze Lebenslust und Anarchie, ihren Witz und ihre Radikalität in die Waagschale ihrer Auseinandersetzungen vor einem Heute der neoliberalen Weltordnung.

Utopien aus Kindheitstagen

Das Stück ist geplant als eine Auseinandersetzung mit den politischen und persönlichen Utopien, die die Generation der heute 30- bis 50-Jährigen in ihrer Kindheit und frühen Jugend über diese Figuren angeboten bekommen hat. Es schlägt eine direkte Verbindung zum Heute in ein neues Jahrtausend. Eine Spießigkeit der Geschwister Thomas und Anni K., eine dagegen schillernde Anarchie Lotte Langtrumpfs, eine Frauenrolle der ewig zuhörenden Monika Moser, eine antikapitalistische Radikalität der Frau Rosa Zora (nicht zufällig Namensgeberin der feministischen Stadtguerilla "Rote Zora" in der BRD in den 80ger und 90ger Jahren), und ein Eskapismus á la Kleiner Gabriel Prinz sind nur einige der Folien, die sich immer wieder aktuell über unseren Alltag legen.

Mitwirkende SchauspielerInnen: Birgitta Altermann, Allen Browne, Patricia Hirschbichler, Thomas Kamper, Julia Köhler, Eva Linder, Anna Morawetz
Regie: Corinne Eckenstein (dy)

"Feuerrot"
bis 6. Juli 2002 jeweils Mittwoch bis Samstag 20.30 Uhr
im kosmos.frauenraum
Siebensterngasse 42
1070 Wien

Kartenreservierung: 01 523 12 26
Aktion des Kosmos: Beim Kauf einer Karte ist die zweite gratis.

Weitere Infos:
foxfire
kosmos
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