Alpenverein beginnt mit Aufarbeitung seiner Rolle im Dritten Reich

12. Juni 2002, 07:00
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Elemente der Nazi-Ideologie schon ein Jahrzehnt vor Machtergreifung der Nationalsozialisten umgesetzt

Wien - Der Alpenverein stellt sich endlich seiner nationalsozialistischen Vergangenheit: nun wird begonnen, die Rolle, die der Verein im Dritten Reich hatte, aufzuarbeiten. Das berichtet die katholische Wochenzeitung "Die Furche" in ihrer jüngsten Ausgabe. Bis heute sind einige Schutzhütten, Wege und Kletterrouten nach Nazi-Funktionären und Antisemiten benannt. Und Historiker schreiben dem Alpenverein eine Vorreiterrolle in Sachen Nationalsozialismus zu. So heißt es etwa in einer Studie des Geschichtswissenschafters Adam Wandruszka: In über tausend Meter Seehöhe habe in Österreich das Dritte Reich angefangen.

Eine wichtige erste Etappe habe in der vergangenen Woche die Wiener Alpenvereinssektion "Austria" zurückgelegt, so "Die Furche". So sei beschlossen worden, im Alpenvereinshaus Rotenturmstraße in Wien eine Gedenktafel mit der Aufschrift "Gegen Intoleranz und Hass 1921-1945 uns Bergsteigern zur Mahnung" anzubringen. Die Eduard-Pichl-Hütte in den Karnischen Alpen in Kärnten werde in Wolayersee-Hütte umbenannt. Pichl wurde 1921 zum ersten Vorsitzenden der Sektion gewählt. Er war einer der erfolgreichsten Alpinisten seiner Zeit, politisch und weltanschaulich allerdings ein deutschnationaler Antisemit, fanatischer Georg Ritter von Schönerer-Anhänger und aktiver Nationalsozialist.

Schon ein halbes Jahr nach seiner Berufung versuchte Pichl in einer manipulierten Abstimmung den Arierparagrafen durchzusetzen. Tausende "deutsche Volksgenossen" wurden zum bezahlten Eintritt in die "Austria" geworben, um mit ihren Stimmen die 2.000 jüdischen Mitglieder der "Austria" zum Austritt zu zwingen. 1924 wandten bereits 98 der insgesamt 110 österreichischen Alpenvereins-Sektionen den Arierparagrafen an. Außerdem wurde die eigens gegründete Sektion "Donauland", die bergsteigenden Juden eine alpinistische Heimat geboten hatte, mit 90 Prozent der Stimmen aus dem Alpenverein ausgeschlossen. Bereits ein Jahrzehnt vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten setze der Alpenverein damit schon wesentliche Teile der rassistischen Ideologie der Nazis in die Tat um.

"Die Faktenlage ist eindeutig, unbestritten und unbestreitbar", wird der Wiener Restitutionsbeauftragte Kurt Scholz dazu von der "Furche" zitiert. Scholz sage aber auch, dass man aus dem Buch der Geschichte keine Seiten herausreißen, aber sehr wohl Seiten hinzufügen solle. Ähnlich der Bergsteiger Reinhold Messner: Pichl sei als Kletterer und Bergsteiger eine so wichtige Figur, dass sein Tun und seine untragbare antisemitische Haltung hintergründig diskutiert gehören würde. Eine Gedenktafel an der Hütte wäre daher vernünftiger und ehrlicher als das Vergessen.

Die Geschichte des Alpenvereins soll aber auch wissenschaftlich aufgearbeitet werden: am 1. August startet, finanziert vom Forschungsfonds, und unter der Leitung von Franz Mathis, dem Vorstand des Innsbrucker Instituts für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, ein entsprechendes dreijähriges Projekt. (APA)

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