Jobängste nach Abgang des Fiat-Chefs

11. Juni 2002, 20:12
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Präsident Fresco statt Cantarella interimistisch Nummer Eins der Turiner Autoschmiede

Turin/Mailand - Der Fiat-Konzernchef Paolo Cantarella hat am Wochenbeginn überraschend seinen Rücktritt erklärt. "In derart schwierigen Zeiten muss ein Signal des Wechsels gesetzt werden", begründete der seit fünf Jahren dem größten italienischen privaten Industrieunternehmen vorstehende Manager sein Ausscheiden.

Fiat-Präsident Paolo Fresco wird vorerst auch das Amt des Vorstandsvorsitzenden bekleiden. Die Gewerkschaften haben gegen den Rücktritt Cantarellas protestiert. Sie befürchten eine Beschleunigung des Fiat-Ausstiegs aus dem Autogeschäft. General Motors hat ab 2004 eine Option auf die restlichen 80 Prozent Anteile von Fiat Auto inne. Angeblich sind bereits Gespräche zwischen Fiat und GM über eine "stufenweise" Übergabe der Autobranche im Gange.

Sicher ist, dass GM keinen kranken, sondern einen weitgehend sanierten Konzern übernehmen will. Fiat muss daher im In- und Ausland Produktionskapazitäten drosseln. Der Rücktritt Cantarellas ist der erste Schritt für einen groß angelegten Wandel. Fiat bekommt die Absatzkrise am italienischen Automarkt besonders empfindlich zu spüren. Denn der Turiner Konzern kontrolliert rund ein Drittel des Inlandsabsatzes.

Verfehlungen

Die überdurchschnittlich hohe Abhängigkeit vom Heimmarkt, eine zum Teil verfehlte Produktpolitik und Marketingschwächen haben das Fass zum Überlaufen gebracht. Fiat Auto hat im ersten Quartal 2002 einen operativen Verlust von 423 Mio. Euro - nach 16 Mio. Euro in der Vergleichszeit des Vorjahres - geschrieben. Die Nettoschulden des Konzerns machten Ende März 6,6 Mrd. Euro, die Bruttoschulden 35 Mrd. Euro aus.

Nun hat Fiat einen Krisenplan bekannt gegeben. Abgesehen vom Kosten- und Produktionsabbau soll mit Bankenhilfe ein Teil der Schulden umstrukturiert werden. Banca Intesa BCI, San Paolo-Imi und Banca di Roma sind bereit, einen Teil der von Fiat zu 38 Prozent kontrollierten, zweitgrößten Energiegruppe, Italenergia, zu übernehmen. Die Unterstützung der Banken ist allerdings an den Abbau der Fiat-Nettoschulden von 6,6 auf drei Mrd. Euro bis Jahresende gebunden.

Töchter verkaufen

Fiat ist gezwungen, mehrere Töchter, darunter auch die im Alu-Bereich tätige Teksid und die Roboterfirma Comau, zu verkaufen. Des Weiteren soll die zu 90 Prozent von Fiat kontrollierte Rennwagenfirma Ferrari im kommenden Herbst an die Börse. Ein mögliches Listing von Alfa Romeo steht ebenfalls zur Diskussion.

Wie unternehmensnahe Kreise bestätigen, will Fiat künftig Ferrari und Alfa Romeo unter Kontrolle behalten. Entsprechende Gerüchte wurden bisher stets von Fiat-Ehrenpräsident Giovanni Agnelli dementiert. Allerdings hat Agnelli bisher auch ein Ausscheiden von Cantarella kategorisch abgelehnt.

Die Befürchtungen der Gewerkschaften, dass mit dem Ausscheiden Cantarellas der Stellenwert des Autogeschäftes beim Mischkonzern sinken könnte, sind nicht von der Hand zu weisen. Bisher bestritt der Pkw-Umsatz 40 Prozent des Konzernumsatzes. (Thesy Kness-Bastaroli/DER STANDARD, Printausgabe, 12.6.2002)

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