"Sauriern wurde zu kalt"

12. Juni 2002, 11:50
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Neue Hypothese zu Massensterben: Klimawandel, als die Erde eine interstellare Wolke durchwanderte

Bonn/Wien - "Vielleicht wurde es den Sauriern bei ihrem Verschwinden vor 65 Millionen Jahren einfach zu kalt und zu feucht auf der Erde", erklärt Astrophysiker Hans Jörg Fahr (Uni Bonn) dem STANDARD: "Damals sind wir durch eine interstellare Wolke gewandert, was zu verstärkter Wolkenbildung und Abkühlung führte."

Das Sonnensystem steht nicht still, es kreist alle 250 Millionen Jahre einmal um das Zentrum der Milchstraße und gerät durchschnittlich alle 60 Millionen Jahre in dichtere Regionen. Dann verliert der Sonnenwind - elektrisch geladene Teilchen, die die Sonne ausstößt und die vor kosmischen Strahlen schützen - an Kraft.

Kosmische Strahlen sind nicht nur direkt lebensfeindlich - sie beschädigen DNA -, sie spielen auch mit bei der Wolkenbildung, verstärken sie durch Erzeugung zusätzlicher Kondensationskeime. Deshalb wird es auf der Erde kühl und feucht, wenn ein geschwächter Sonnenwind mehr kosmische Strahlung durchlässt: "Am elfjährigen Sonnenzyklus hat man das schon nachweisen können", erklärt Fahr, "wir glauben, dass es auch für langfristigere Schwankungen gilt."

Alle 60 Millionen Jahre

Und eine davon ist die periodische Wanderung durch kosmische Wolken: Fahrs Hypothese könnte nicht nur das Aussterben der Dinosaurier erklären, sondern auch andere Massensterben in der Erdgeschichte, von denen viele im Rhythmus der 60 Millionen Jahre liegen.

"Beim Durchqueren der kosmischen Wolken erhöht sich auch die Wahrscheinlichkeit, dass Kometen aus der Bahn geraten und auf der Erde einschlagen", konzediert Fahr gegenüber einer konkurrierenden Erklärung des Sauriersterbens - damals ging ein Asteroid auf die Erde nieder -, "aber ein Einschlag könnte das Klima nicht so lange stören, wie das für ein Massensterben nötig ist. Die Passage durch interstellare Wolken hingegen dauert 100 bis 200 Jahre."

Ob die Hypothese stimmt, wird man in nicht zu ferner Zukunft prüfen können: "Bereits in 3000 Jahren werden wir durch die nächste dichte Wolke wandern." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.6.2002)

Von Jürgen Langenbach
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