Ein Jahrhundert der Extreme

11. Juni 2002, 18:39
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Auf die Unsicherheiten nach dem 11. September hat noch niemand Antwort gefunden

Ein US-Justizminister, der in Moskau - in Moskau! - verlautbart, dass ein Anschlag mit einer "schmutzigen" Atombombe in Washington vereitelt worden sei: Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, wie sehr sich die Welt seit dem 11. September 2001 verändert hat, John Ashcrofts Auftritt in Russland hätte ihn glänzend erbracht.

Der Zeitpunkt, zu dem Ashcroft seine Enthüllungen darbot, war nicht zufällig gewählt. Zunächst einmal lässt sich seine Verlautbarung unschwer als eine erhebende Antwort auf die Kaskade an Vorwürfen lesen, die in den vergangenen Wochen über FBI und CIA niedergegangen sind. Mit der Verhaftung eines Terroristen, der nicht weniger geplant haben soll als einen Anschlag mit radioaktivem Material auf Washington, sollen sich die amerikanischen Geheimdienste und Polizeikräfte in der Tat eine respektable Feder an den Hut stecken dürfen, und dem allgemeinen Sicherheitsempfinden der Amerikaner wird die Nachricht ebenfalls Gutes tun.

Ashcrofts Erfolgsmeldung fällt aber auch in eine Phase, in der die Amerikaner eine Revision ihrer Sicherheitsdoktrin und nun auch vorbeugende Schläge gegen Terroristen angekündigt haben, ohne dass sie sich in dieser Vorgangsweise von den Unschärfen des Terrorismus-Begriffs Handschellen anlegen ließen: Da kommt natürlich ein solcher Erfolg wie gerufen. Mancher Skeptiker würde an dieser Stelle hinzufügen, dass dieser Erfolg auch reichlich willkürlich definiert und hinausposaunt werde.

Freilich, und das muss zur Verteidigung der Amerikaner in einem europäischen Umfeld, wo die Visionen vom machtgeilen Sheriff und dem außer Rand und Band geratenen Weltpolizisten ständig im Umlauf sind, besonders betont werden, heißt das keineswegs, dass die Regierung Bush nun unter dem Schutzschild der Terrorbekämpfung ihre Machtimpulse schrankenlos ausleben würde.

In Wahrheit ist die Sache viel einfacher: Auf die Ereignisse des 11. September haben Bush, seine Berater und die gesamte amerikanische Sicherheitsbürokratie ebenso wenig eine befriedigende und in sich stimmige politische Antwort wie irgendwer sonst, die Europäer - vor allem die Europäer - inklusive.

Die konfus-substanzlosen Warnungen - Motto: In den nächsten Tagen wird es irgendwo irgendeinen Anschlag geben -, die in periodischen Abständen über die Amerikaner hereingeprasselt sind, sprechen eine deutliche Sprache. Seit dem 11. September, der die Existenz eines ungeheuren, aus religiös-ideologischer Verbohrtheit genährten Vernichtungswillens manifestiert hat, ist aber der Zwang, die Welt von ihren Extremen her zu denken, zu Recht übermächtig geworden.

Ein grundlegendes Problem ist freilich, dass man schlechte Absichten nur schwer nachweisen kann, solange sie im Stadium der Absicht bleiben. Daher vermittelt auch die Festnahme des angeblichen Atomterroristen kein kathartisch-enthusiastisches Erlebnis, weil er ja über das Planungsstadium nicht hinausgekommen ist - und sie lässt darüber hinaus unerquickliche Visionen einer nach willkürlichen Kriterien operierenden Gedankenpolizei aufkommen.

Umgekehrt fehlt es den meisten Menschen an Fantasie, sich Szenen auszumalen, in der Terroristen wirklich zu Massenvernichtungswaffen - Massenvernichtungswaffen - greifen könnten - und solche Visionen wiederum lassen einen immer tiefer in die Rechte der Bürger eingreifenden Staat immer plausibler erscheinen.

Der Historiker Eric Hobsbawm hat sein berühmtes Buch, in dem er Rückschau auf das 20. Jahrhundert hielt, als "Zeitalter der Extreme" betitelt. Nach dem 11. September steht zu vermuten, dass auch das 21. Jahrhundert ein Jahrhundert der Extreme sein könnte.

Was Demokratie unter der extremen Bedrohung von mit Massenvernichtungswaffen versehenen Terroristen bedeuten kann und bedeuten wird? Das Nachdenken darüber hat wohl erst begonnen. (DER STANDARD, Printausgabe, 12.6.2002)


Christoph Winder
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