Al-Qa’ida - die nukleare Bedrohung

12. Juni 2002, 12:12
23 Postings

Die Aufdeckung eines geplanten Terroranschlags mit einer "schmutzigen Bombe" hat den Warnungen der USA neuen Rückhalt gegeben

New York/Wien - Die Geschichte von Osama Bin Laden und der Atombombe hat seit dem 11. September ihre Höhen und Tiefen gekannt: Als ein Reporter der britischen Zeitung Times im November 2001 in einem Haus in Kabul halb verbrannte Papiere fand, in der die Funktionsweise einer Atombombe beschrieben wurde, rückte Al-Qa’ida weltweit noch ein Stück höher in den Bedrohungsszenarien.

Wenig später musste die US-Regierung zurückrudern. Das Papier mochte aus dem Internet stammen und jedermann zugänglich sein, räumte Tom Ridge ein, der damals neu ernannte Chef der Behörde für Landesverteidigung. Doch seit Wochenbeginn ist die Drohung mit einer radiologischen, einer "schmutzigen" Bombe real und öffentlich: José Padilla alias Abdullah al Muhajir, ein 31-jähriger US-Amerikaner und Sohn von Einwanderern aus Puerto Rico, soll im Auftrag von Al-Qa’ida einen Anschlag mit radioaktivem Material in Washington geplant haben.

Festnahme in Marokko

Noch am Montagabend legte Washington nach: Die Küstenwacht warnte vor Terroranschlägen auf See, Schiffe und Häfen wurden in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt. Der unmittelbare Anlass war Tausende Meilen entfernt - in Marokko wurden drei saudi-arabische Männer und zwei Marokkanerinnen verhaftet. Sie sollen als Teil einer Al-Qa’ida-Zelle Anschläge auf britische und amerikanische Schiffe in der Straße von Gibraltar geplant haben. Auch über diese Verhaftungen war die US-Regierung im Voraus informiert.

Doch die Öffentlichmachung eines Terrorplans mit einer "schmutzigen Bombe" in den USA kam Washington aus verschiedenen Gründen nicht ungelegen: Zum einen wird damit eindeutig bewiesen, dass Al-Qa’ida weiterhin im Dunklen agiert und eine Bedrohung für die Vereinigten Staaten bedeutet; zum anderen wird den Kritikern der Regierung im Kongress - die Hearings über das Versagen der Geheimdienste vor 9/11 dauern an - mit diesem Bravour-Akt wenigstens für kurze Zeit der Wind aus den Segeln genommen.

Allerdings wirft al Muhajirs Festnahme mehr Fragen auf als zunächst angenommen: Der mutmaßliche Terrorist ist amerikanischer Staatsbürger und kann als solcher, laut Bush-Erlass vom vergangenen Herbst, nicht vor ein Militärtribunal gestellt werden. Um dies zu ermöglichen, müsste Bush die Richtlinien für Militärtribunale dahingehend ändern, dass sie auch US-Staatsbürger einschließen - was schon deshalb wahrscheinlich scheint, da sich mittlerweile herausstellte, dass Al-Qa’ida und andere Terroristenorganisationen in zunehmendem Maße Staatsbürger westlicher Staaten als Rekruten anwerben.

"Feindlicher Kämpfer"

Noch immer wird gerätselt, warum die US-Regierung mehr als einen Monat nach der Festnahme des angeblichen Terroristen zugewartet hat, bevor sie mit ihrem Wissen an die Öffentlichkeit gegangen ist. Klar scheint bisher nur, dass der Termin für eine weitere Inhaftierung von al Muhajir/Padilla ohne Anklage am vergangenen Wochenende ablief und die Behörden somit unter Zugzwang setzte. Mit seiner Überstellung vom Justiz- in das Verteidigungsministerium und seiner Klassifizierung als "enemy combatant" verlor al Muhajir nun alle Rechte, die einem US-Staatsbürger zustehen: Als "feindlicher Kämpfer" kann er ohne Anklage und Rechtsbeistand auf unbestimmte Zeit festgehalten werden.

Die "schmutzige Bombe" und ihre möglichen katastrophalen Folgen stehen derweil ebenfalls im Zentrum heftiger Kontroversen: So rügte die New York Times etwa Justizminister John Ashcroft, er habe mit seinen düsteren Androhungen "von Massentod und -vernichtung" stark übertrieben - die Zahl der Todesopfer würde sich auf etliche Dutzend beschränken. (DER STANDARD, Printausgabe, 12.6.2002)

Susi Schneider Markus Bernath
Share if you care.