"Runaway Productions"

11. Juni 2002, 10:38
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Hollywood nimmt Reißaus vor den hohen Kosten im eigenen Land

New York - Al Pacinos neuer Krimi spielt zwar in den USA, doch gedreht wurde "Insomnia" in Kanada - aus Kostengründen. Für die nächsten beiden "Matrix"-Folgen steht Keanu Reeves wieder in Australien vor der Kamera. Auch dabei spielt Geld eine Rolle. Genau wie bei dem teuersten Werk, das Martin Scorsese je gedreht hat. Für sein mit Spannung erwartetes Epos "Gangs of New York" ließ er Straßenzüge aus dem Manhattan des 19. Jahrhunderts in Studios nahe Rom nachbauen. In Amerika wäre Scorsese mit dem Budget von rund 100 Millionen Dollar für seinen sehr aufwändigen Monumentalfilm niemals hingekommen.

Hollywood nimmt Reißaus vor den hohen Kosten im eigenen Land. Noch nie waren so viele amerikanische Film- und Fernsehproduzenten im Ausland tätig wie heute. Noch nie waren die Folgen für die einheimischen Standorte, vor allem in Kalifornien, so verheerend. Um 17 Prozent sanken die Ausgaben für Spielfilmproduktionen in den USA seit 1998 - ein Verlust für die US-Wirtschaft von 1,8 Milliarden Dollar (1,95 Milliarden Euro). Mehr als 22 000 Beschäftigte in der Filmindustrie oder damit eng verbundenen Bereichen verloren ihre Jobs. Das zeigt eine Studie, die das Forschungszentrum der US- Unterhaltungsindustrie (CEIDR) jetzt vorlegte.

"Diese Zahlen demonstrieren, wie andere mit starken Anreizen unsere Filmemacher angelockt haben", sagt Stephen Katz, Leiter der CEIDR-Studie. Es sei höchste Zeit, dass die betroffenen US- Bundesstaaten den Filmproduzenten unter die Arme griffen. Sonst werde das Phänomen der "Runaway Productions", der Ausreißer-Produktionen, immer größere Ausmaße annehmen.

Steuernachlässe

In Kalifornien hat das Parlament jetzt zwar ein Gesetz gebilligt, dass Studios Steuernachlässe gewährt, wenn sie in diesem Bundesstaat drehen. Doch viele befürchten, dass die neuen Bestimmungen nicht großzügig genug sind und zu spät kommen. Gut ein Dutzend Standorte in Übersee - von Australien und Neuseeland, wo die gesamte Trilogie "Der Herr der Ringe" gedreht wurde, über Italien und Tschechien bis nach Großbritannien und Irland - locken Hollywood nicht nur mit modernsten Studios und gut ausgebildetem Personal. Sie überbieten sich auch bei Steueranreizen, günstigen Krediten und sonstigen Subventionen.

Den weitaus größten Teil des Hollywood-Kuchens bekommt Kanada ab. Bequemer als im nördlichen Nachbarland können die US-Filmproduzenten nirgendwo Geld sparen. Und ob die Stars von Los Angeles zum Dreh nach Montreal oder nach New York geflogen werden, macht kaum einen Unterschied. Dagegen wird jede einzelne Ausgabe in Kanada wegen des starken US-Dollars und des insgesamt niedrigeren Preisniveaus um ein Viertel bis ein Drittel billiger.

Doch Kanada bringt der Hollywood-Boom, der vor allem durch die Produktion amerikanischer Fernsehserien getragen wird, nicht nur Vorteile. Für Garry Neil, Vordenker der kanadischen Schauspielervereinigung ACTRA, überwiegen langfristig die Nachteile. "Was da an Geld ins Land kommt, ist doch insgesamt viel weniger als das, was dann wieder für US-Filme in den Kinos und Videotheken und für US-Serien im Fernsehen über die Grenze geschickt wird."

Drehort für Ausländer

Filmemacher aus dem wirtschaftlich übermächtigen Nachbarland haben große Teile der kanadischen Produktionskapazitäten gebunden. Die Herstellung von Filmen und Serien mit kanadischen Inhalten ist auch dadurch in den vergangenen Jahren dramatisch zurückgegangen. "Unser Land verkommt zum bloßen Drehort für Ausländer", sagt Neil. Dazu gehört, dass kanadische Schauspieler selbst bei den in Kanada produzierten US-Filmen und -Serien nur schwer größere Rollen bekommen. Man erkennt sie leicht am Akzent, was beim US-Publikum komisch wirkt, wenn die Story in New York, Washington oder Los Angeles spielt.

(APA)

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