Entladung vor der Kamera

10. Juni 2002, 19:30
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Europaweit einmalige Blitzbeobachtung am Salzburger Gaisberg

Gaisberg/Wien - "Manchmal werde ich gefragt, was es da eigentlich noch zu messen gibt", schmunzelt Blitzforscher Wolfgang Hadrian von der Technischen Universität Wien. Die Daten der Blitzforschungsstelle Gaisberg - der einzigen derartigen Messstelle in ganz Europa - sind jedoch heiß begehrt. Denn die derzeit gültigen Richtlinien für Blitzschutzmaßnahmen beruhen auf Messungen, die mehr als 30 Jahre zurückliegen.

Seither haben sich die Methoden erheblich verbessert. Auf dem Gaisberg wird eine Hochgeschwindigkeitsvideokamera eingesetzt, die tausend Bilder pro Sekunde liefert und so jedes Detail eines Blitzeinschlages in den Sendemasten sichtbar macht.

Gemessen werden auch die elektromagnetischen Felder nahe der Entladung und ihre Einflüsse auf Photovoltaikelemente, außerdem wird die optimale Länge jener Erdungsbänder bestimmt, die den Sendemasten bei direkten Einschlägen schützen.

Natürlich untersucht das Team vom Institut für Elektrische Anlagen und Energiewirtschaft auch den Blitzstromverlauf im Detail. Die Daten sollen statistisch erfasst werden und so die Basis für neue Vorschriften zur Dimensionierung von Schutzmaßnahmen bilden.

Blitze können Stromimpulse von bis zu 200.000 Ampere führen. "Würde man alle Schutzmaßnahmen auf diese Stärke auslegen, dann wäre das überdimensioniert und viel zu teuer", erklärt Wolfgang Hadrian. Die größte am Salzburger Gaisberg gemessene Entladung betrug nur etwa ein Drittel dieses Spitzenwertes.

Vier Institutionen sind an der Forschungsstelle Gaisberg beteiligt, darunter ALDIS (Austrian Lightning Detection and Information System), jene Einrichtung, die die österreichweite Gewitteraktivität erfasst. Der Gaisberg wurde ausgewählt, weil hier laut ALDIS-Daten die Einschlagshäufigkeit besonders hoch ist.

Eines der Ergebnisse hat sogar die blitzerfahrenen Wissenschafter überrascht: dass im Winter mehr Blitze in den Masten der Forschungsstelle einschlagen als im Sommer. "Wir können eben auch nicht alles erklären, was wir beobachten", gibt Wolfgang Hadrian gerne zu. (Kirsten Commenda/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11. 6. 2002)

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