Einfühlsame Vermarkterin von Medizin

10. Juni 2002, 19:28
posten

Eine Frauenbiografie von bestechender Effizienz hat sich Ingeborg Hochmair-Desoyer konstruiert.

Eine Frauenbiografie von bestechender Effizienz hat sich Ingeborg Hochmair-Desoyer konstruiert. Zur Befestigung genügten der heute 49-jährigen Nachrichtentechnikerin wenige Eckpunkte: Talent und Liebe zur Technik, medizinisches Interesse und gute berufliche und familiäre Teamarbeit mit ihrem Mann.

"Mit fünf sagte ich meinem Vater mathematische Formeln auf, mit zehn habe ich Bakterien gezüchtet, mit zwölf zusammen mit meiner Schwester ein Baumhaus gebaut und mit 14 Jahren Radios", erzählt die geborene Wienerin, die 1980 als erste Frau Österreichs in Elektrotechnik dissertierte.

Schon im Gymnasium entdeckte sie die exotischen Felder der Bionik und Biokybernetik. Von da an war klar, was sie wollte: mithilfe der Technik menschliches Leiden mindern. Ein Jahr an der Universität Karlsruhe - einem Biokybernetik-Mekka der Siebzigerjahre - und zwei Jahre Nebenstudium der Medizin brachten sie rasch voran.

Noch an der Wiener TU lernte sie ihren späteren Mann, Erwin Hochmair, kennen. Mit ihm entwickelt und verbessert sie seit 1975 ein "künstliches Innenohr". Es besteht aus einem "aktiven", impulsgebenden, Implantat, das den Hörnerv stimuliert. Gehörlose können mit dem "ersten künstlichen Sinnesorgan" wieder hören. Taub geborene Kleinkinder lernen damit fast so schnell sprechen wie Altersgenossen. Als sich für Erwin Hochmair eine Professur an der Uni Innsbruck anbot, wechselten beide dorthin. Als Spin-off ihrer vom Wissenschaftsfonds geförderten Projekte gründeten sie Ende der 80er-Jahre die Innsbrucker Medizintechnik-Firma Med-El, um ihre Implantate weltweit zu vermarkten.

Ingeborg Hochmair, inzwischen Mutter von vier Kindern im Alter von neun bis zwanzig, managt das auf 320 Mitarbeiter und knapp 40 Millionen Euro Jahresumsatz angewachsene Unternehmen. Erwin Hochmair, heute Vorstand des Uni-Instituts für Angewandte Physik, liefert weiterhin die wissenschaftlichen Grundlagen. "Mein Mann hat die Ideen in der Elektronik. Ich überlege mir lieber mit unseren Mitarbeitern, wie wir sie für die Patienten umsetzen können."

Wohl mag die Managerin-Ingenieurin von ihrem familiären Background profitiert haben - "meine männlichen Vorfahren waren seit Generationen Technik-Professoren, meine Großmutter eine der ersten Chemie-Ingenieusen, meine Mutter Physikerin" - doch erklärt das nicht ihren Erfolg. Entscheidend dürfte ihre starke Zielorientierung gewesen sein: "Das Innenohr hat sich uns zufällig angeboten. Unser Ziel hätte auch etwas anderes von Nutzen für die Menschheit sein können."

Wichtig war wohl auch die Fähigkeit, Synergien herzustellen und sich in Bedürfnisse ihrer Umwelt, ob Menschen oder Markt, einzufühlen. (Johanna Geissler/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11. 6. 2002)

Share if you care.