Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

11. Juni 2002, 10:44
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Archäologen in Jordanien, Zypern und dem Libanon sind oft uneins bei der Datierung von Funden - Zwischen den regionalen Zeitrechnungen liegen bis zu 150 Jahre

Tell el Dab'a/Ashkelon/Wien - "Der östliche Mittelmeerraum war vor 3000 bis 4000 Jahren in einem ständigen Umbruch und hat daher auch keine kontinuierliche Geschichtsschreibung aufzuweisen", umreißt der Ägyptologe Manfred Bietak, wissenschaftlicher Leiter des Spezialforschungsbereichs SCIEM 2000 (Synchronization of Civilizations in the Eastern Mediterranean), das Hauptproblem der Datierung. "Unser Ziel ist daher, die archäologischen Grabungen in Vorderasien in der sehr genau dokumentierten ägyptischen Chronologie zu verankern."

Dem widmen sich 13 Forschergruppen aus Orientalistik, Ägyptologie, Archäologie, Paläontologie und Chemie.

Plastiksackerl antik

Eine zentrale Rolle kommt dabei dem österreichischen Grabungsplatz Tell el Dab'a in Ägypten zu, der in der Antike eines der wichtigsten Handelszentren im Mittelmeerraum war. Schmuck, Waffen und besonders Keramik wechselten hier im östlichen Nildelta grenzüberschreitend die Besitzer.

Die Archäologen gehen davon aus, dass bestimmte Typenkombinationen von Vasen und Krügen in Ägypten, Palästina oder dem Libanon in zeitgleichen Siedlungsschichten zu finden sein müssten. Als Zeitmarker hat Keramik laut Projektkoordinatorin Angela Schwab zwei unschätzbare Vorteile: "Sie war sozusagen das 'Plastiksackerl der Antike'." Als Gegenstand des täglichen Gebrauchs habe Keramik einen sehr kurzen Lebenszyklus und gebe daher einen relativ genauen Hinweis auf den Zeitpunkt ihrer Verwendung. "Außerdem", weiß Ägyptologin Schwab, "ist sie unverwüstlich, weil sie sich im Boden nicht chemisch zersetzt."

Durch Vergleich mit Fundstücken aus Grabungen in Ashkelon in der Nähe von Gaza ist es den Archäologen bereits gelungen, Zeitlinien zum ägyptischen Referenzplatz Tell el Dab'a zu ziehen. In einem nächsten Schritt soll auch Tell Arqa im Libanon in diese einheitliche Zeitrechnung eingebunden werden.

Aber nicht nur Keramik, sondern auch Holz wurde im zweiten Jahrtausend vor Christus gehandelt. Besonderer Beliebtheit erfreuten sich Libanon-Zedern, die in Ägypten für Bauzwecke und die Herstellung von Sarkophagen und Kunstgegenständen verwendet wurden.

Auch in diesen Holzobjekten steckt eine wichtige zeitliche Information, denn die Jahresringe geben Auskunft über die Wachstumsperioden des verwendeten Baumes. Dendrochronologen haben diese Jahresringmuster an Museumsstücken in Amerika, Europa und Ägypten gemessen und verglichen. Aus überlappenden Jahresringen konnten sie so bereits einen Zeitraum von 500 Jahren im zweiten Jahrtausend v. Chr. lückenlos dokumentieren.

Jahresringe auf Video

Ziel der Forscher ist es, mithilfe der "Baumzeitrechnung" eine durchgehende Chronologie der letzten 4000 Jahre zu erstellen. Um die kostbaren Artefakte nicht anbohren oder zerschneiden zu müssen, wurde ein völlig neues Verfahren entwickelt: Aus einem Videobild können die Jahresringe sowohl auf ebenen als auch auf gewölbten Holzoberflächen berechnet und damit zerstörungsfrei ermittelt werden. In einem weiteren Schritt arbeiten die Forscher daran, auch unter Farbschichten verborgene Jahresringe mit Ultraschall sichtbar zu machen.

Im Dienst der Zeitrechnung waren auch Wissenschafter des Wiener Atominstituts im östlichen Mittelmeerraum unterwegs. Denn als weiterer Zeithorizont für die Archäologen soll ein Ereignis dienen, das vor rund dreieinhalbtausend Jahren Griechenland und ganz Kleinasien erschütterte: der katastrophale Vulkanausbruch von Santorini.

Spuren dieser Eruption finden sich in verschiedensten Grabungen rund um das Mittelmeer - zum einen dünne Schichten Vulkanasche aus dem "Fallout" und zum anderen Bimsstein, der in der Antike als Schleifmaterial verwendet wurde.

"Mithilfe der Neutronenaktivierungsanalyse, einer höchst empfindlichen radiochemischen Methode, ist es uns gelungen, einen exakten chemischen Fingerabdruck dieser vulkanischen Produkte zu erstellen", erklärt Radiochemiker Max Bichler vom Atominstitut.

Erstmals können nun Bims und Vulkanasche aus der Santorini-Eruption in den Kulturschichten der Grabungen eindeutig identifiziert und von den Produkten der zahlreichen anderen Vulkanausbrüche in der Ägäis unterschieden werden.

Das ehrgeizige Projekt SCIEM 2000 hat sich zu einer wahren Erfolgsgeschichte entwickelt. Anfang des Jahres wurde es daher um weitere drei Jahre verlängert - "mit überwältigender Zustimmung internationaler Gutachter", wie dessen Leiter, Manfred Bietak, betont. "Das zeigt, wie wichtig es ist, konkrete Fakten und Zahlen für die Frühgeschichte dieser Region zu liefern" - und damit auch für unsere eigene Kulturgeschichte, denn schließlich liegt auch die Wiege unserer Zivilisation im Vorderen Orient. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11. 6. 2002)

Von Angelika Prohammer
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