Gemeinsamkeit der Rattenfänger

11. Juni 2002, 18:31
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11. Juni 2002

EEin wahres Wort ist beim FPÖ-Parteitag vom Wochenende doch gefallen. Er habe sich, bewertete Jörg Haider seine Privatreisen auf den Spuren Kara ben Nemsis, "in wenigen Monaten das Vertrauen der arabischen Welt erobert, dass selbst ein Kreisky blass geworden wäre". War früheren Versuchen, sich innenpolitisch als legitimer Nachfolger dieses Kanzlers darzustellen, kein Erfolg beschieden, versucht sich der Arisierungsnutznießer nun am Nahostpolitiker Kreisky emporzuranken, um seinen eher komischen Versuchen in der Kunst, mit Falken Sympathien zu jagen, den Anstrich einer "Mission" zu verleihen.

Kreisky hat es freilich nie nötig gehabt, im Fernsehen mit Federvieh zu posieren, er wäre vermutlich blass geworden, hätte man ihm eine derartige Lächerlichkeit zugemutet. Was den FPÖ-Troubadix Andreas Mölzer nicht abhält, von Haider auf Kreiskys Spuren zu fantasieren, um die alte "Dreck am Stecken"-Gesinnung unter dem Deckmantel des Antizionismus doch noch salonfähig zu machen. "Israelischer Staatsterrorismus gegen die Palästinenser" titelte er in "Zur Zeit" ein Interview, in dem Haider zwei Seiten lang über die arabische Welt und die fällige Emanzipation Europas von den USA schwadronieren durfte.

Da wird etwa, nur um den USA eins auszuwischen, festgestellt: Saddams Giftgasangriff auf die Kurden - unter freundlicher Patronanz der Amerikaner. Aber dass Jörg Haider nun demselben Saddam, lange nachdem sich die Amerikaner von ihm abgewandt haben, vor Freude um den Hals fällt, dass er wenigstens von Kurdenmördern freundlich empfangen wird, scheint "Zur Zeit" gar nicht aufzufallen. Hauptsache: Jörg Haider wird zum Heros in der arabischen Welt, wenn er schon in der westlichen Welt total verkannt wird und nicht einmal ein Möllemann an ihm anstreifen will, den er doch kurz für sein alter ego gehalten hat.

Eigentlich schade, denn bereits 1979 hatte sich Möllemann mit der Israel-Lobby angelegt, als er dem Judenstaat aufgrund der Behandlung der Palästinenser "staatlichen Terrorismus" vorwarf, heißt es in einem Porträt des FDP-Politikers. Er war also, wenn man "Zur Zeit" glauben darf, Jörg Haider in seiner Liebe zur arabischen Welt um ganze 23 Jahre voraus, was dessen Anspruch, ein origineller politischer Denker zu sein, doch etwas zurechtrückt.

Das alles stand in der vorletzten "Zur Zeit". In der letzten galt es, Möllemanns Diktum, Haider sei ein "Rattenfänger" und solle "zum Teufel gehen" rechtsintellektuell zu verarbeiten. Nun sind Distanzierungen dieser Art zwischen Rechtspopulisten in Europa ja üblich. Der alte Spruch "Pack schlägt sich, Pack verträgt sich" musste irgendwie der Realität übergestülpt werden, was folgendermaßen versucht wird: Tatsache bleibt, daß Themen wie Kritik an der multikulturellen Gesellschaft, am allzu liberalen Asylrecht und am unbegrenzten Ausländerzuzug et cetera gemeinsame Themen dieser sogenannten Rechtspopulisten sind. Ob man sich nun voneinander abgrenzt oder nicht, anhand dieser Themenstellung und entsprechender Antworten läßt sich zwangsläufig eine gewisse Gemeinsamkeit herausdestillieren. - Doch nicht die Gemeinsamkeit der "Rattenfänger"?

Schwer zu sagen, denn Distanzierungen zwischen Rechtspopulisten übertönen oft die Gemeinsamkeiten. Da darf der wildgewordene Lehrer Möllemann dann Haider schon auch einmal zum Teufel wünschen, wo er sich doch insgeheim nichts sehnlicher wünscht, als nur einigermaßen ähnlich glaubwürdig den Volkstribun miemen (sic!) zu dürfen, wie dies der Bärentaler kann. Schon toll, auf welchem Niveau sich die Rechtspopulisten in Europa von einander distanzieren.

Aber in der Sache steht man fest zusammen, bis in den Comic Walhalla. Da entlässt der Germanengott Wotan dieselben Sprechblasen wie der Parteigott Jörg: Einer der bundesdeutschen "Liberölen" hat endlich gewagt zu sagen, wer und was eigentlich für antizionistische Tendenzen verantwortlich ist. - Nämlich die rassistische und verbrecherische Politik Israels gegenüber den Palästinensern und die Arroganz, mit der dies hierzulande verteidigt wird!

Es ist die übliche Rechtfertigung einer bekannten Gesinnung. Israel hat Dreck am Stecken, daher: selbst schuld am Antizionismus. Noch direkter hat am Wochenende nur "Die Presse" in ihrer Karikatur Öl ins Feuer ausgedrückt, was wirklich gemeint ist. Da wird aus zwei Kannen Öl auf die brennende Pflanze Antisemitismus gegossen, auf einer steht "Möllemann", auf der anderen Friedman.

Was da vorgelegt wurde, ist offenbar eine gezeichnete Kollektivschuld-These. Wer sich gegen antisemitische Ausfälle - womöglich auch noch energisch - zur Wehr setzt, schürt sie nicht weniger als der, der sie betreibt. Dann soll er sich gefälligst nicht wundern, wenn er sie damit erst provoziert.

Man muss dabei den Fortschritt sehen. Bis vor kurzem waren die Juden noch allein schuld am Antisemitismus. (DER STANDARD,Print-Ausgabe vom 11.6.2002)

Von Günter Traxler
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