Einsamer Beau und verträumte Belle

10. Juni 2002, 20:15
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Chuck Prophet begeistert live in Wien - Sein sechstes Soloalbum ist gerade erschienen

Wien - "No Other Love" betitelte Chuck Prophet sein eben erschienenes sechstes Soloalbum. Dieses Bekenntnis dürfte einerseits an die ihm seit rund zwölf Jahren - privat wie in der Band - an der Seite stehende Stephanie Finch gerichtet sein. Andererseits ließe sich der Titel ebenso gut als Bestätigung des eigenen Werks, der von Prophet gespielten Musik, deuten. Denn genauso hingebungsvoll, wie er am Sonntag im Chelsea die Saiten bearbeitet hat, schmachtete er im Duett seine Herzdame an: "Keine andere Liebe nie nicht!" Kitsch galore, aber schön.

Seit den mittleren 80er-Jahren gilt der Mann aus San Francisco als eine verlässliche Fixgröße in einem Genre, dass Bands wie R.E.M in die Stadien dieser Welt trugen. Im Vergleich zu den großen Abräumern blieb Prophet der kommerzielle Erfolg jedoch bislang versagt. Ein Schicksal, das schon Green On Red zuteil wurde, jener sympathischen Slacker-Band aus Tucson, Arizona, deren Country-Rock mit Rhythm'n'Blues-Schlagseite Prophet neben Sänger Dan Stuart maßgeblich prägte. Doch während Stuart mit dünner Stimme der dunkleren Seite der amerikanischen Mythen unter besonderer Berücksichtigung des großen Autors Jim Thompson (Grifters, The Killer Inside Me . . .) zugetan war, erschien Prophet eher als Sunnyboy, der sich erst nach dem Verschwinden von Green On Red 1992 emanzipieren konnte und seitdem regelmäßig gute bis wunderbare Alben veröffentlicht.

Das aktuelle No Other Love (Vertrieb: Hoanzl) präsentierte er live mit seiner Band, dem Mission Express, in solider Form: Vor Keyboards, Slidegitarre, Bass und Schlagzeug bestätigte Prophet seinen Ruf als emphatischer Entertainer, der in bluesgefärbten Balladen überzeugte, während er in der Rockistenrolle darauf achtete, sich selbst nicht allzu ernst zu nehmen.

Mit einem Mikrofon aus der Frühzeit des Rock 'n' Roll verlieh er manchen Songs jene akustische Patina, die als Assozationsnährboden des Publikums fungierte und Platz für hinreichend bekannte Klischees schuf: der Südwesten der USA, staubige Landstraßen, längliche, leicht verbeulte Autos, Hitze. Ein einsamer Beau trifft eine verträumte Belle, und zusammen versuchen sie ihr Stück vom Kuchen des Glücks zu erwischen.

Prophet erzählt solche Geschichten augenzwinkernd, ohne falsches Pathos und ohne daran mehr, als notwendig ist, zu glauben. Vielmehr fungiert er als begnadeter Verwalter solcher Fantasien, die ihm ein ergebenes Publikum dankbar abnimmt: "Dream- sharing" nennt sich das in fremder Zunge gesprochen.

Vielleicht ist Chuck Prophet in dieser Rolle deshalb so glaubwürdig, weil ihm der große Erfolg versagt geblieben ist. Zwar gilt er als gefragter Studiomusiker, und Produzentengrößen wie Jim Dickinson oder der große, weiße Mann des Southern Soul, Dan Penn, zählen zu seinen Freunden, doch in der Gesetzmäßigkeit der Popwelt ist Prophet der klassische Outlaw-Typ. Aber das ist ohnehin die sympathischere Rolle. (DER STANDARD, Printausgabe, 11.6.2002)

Von Karl Fluch
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