Aus dem Irrenhaus der Welt

11. Juni 2002, 22:06
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Im Interview: US-Regisseur Peter Sellars kombiniert für die Festwochen Antonin Artaud mit CNN, Gedichten und Musik

"Wir weinen bei Musik, aber hören Nachrichten mit trockenen Augen": US-Regisseur Peter Sellars kombiniert für die Wiener Festwochen Antonin Artaud mit CNN, Gedichten und Musik. Vor der Premiere sprach er mit Richard Reichensperger.


Wien - Ein völlig anderes Theater forderte der 1896 in Marseille geborene und 1948 in einem Irrenhaus zugrunde gegangene Antonin Artaud: Ein Theater, "das uns einen glühenden Magnetismus von Bildern einflösst" - in einer Sprache von Gesten, Klängen, Schreien und Licht. Ein "Theater der Grausamkeit", das von Angst und Verhängnis spricht, von anderen Welten und Mythen. Ein Theater der Rhythmen, der Musik.

Der US-amerikanische Starregisseur Peter Sellars, der u.a. Die Zauberflöte unter TV-Screens und in Salzburg Musikdramen von Olivaer Messiaen und György Ligeti inszenierte, scheint hier der ideale Mann: Am 11.Juni wird er für die zeitzone-Reihe der Wiener Festwochen im Kasino am Schwarzenbergplatz Antonin Artauds letztes Stück, For an End to the Judgement of God, zeigen - und es zugleich als TV-Show filmen. Wie soll das gehen? DER STANDARD sprach mit einem äußerst gelösten, lachenden, in wilder Mimik und Gestik das Garderobenzimmer am Schwarzenbergplatz auslotenden Künstler.

STANDARD: Artaud will keine Psychologie, sondern Masse. Wie kamen Sie auf die Idee, dieses Stück nur mit zwei Schauspielern zu machen?

Sellars: Nur zwei Schauspieler, ja. Aber das Publikum jeden Abend! Und welche Schauspieler: Der Hauptdarsteller, John Malpede, hat 15 Jahre in Los Angeles mit Obdachlosen gearbeitet. Er vereint alle in seiner emotionalen Extremität. Und dazu Pascale Armand, eine wilde Schauspielerin aus New York.

STANDARD: Ein Mann, eine Frau: was machen Sie gegen die konventionelle Psychologie, wie verhindern Sie die übliche Paar-Geschichte?

Sellars: Im 20. Jahrhundert haben Menschen erkannt: Nicht alles ist das Problem der individuellen Psychologie. Wichtiger sind, in Teilen zumindest, Fragen des Systems und der Politik. Ich fühle das; viele fühlen das: Es ist strukturell etwas falsch in der Gesellschaft. Psychologie aber ist selten politisch engagiert. Und so ist einer der ersten Schritte, zu zeigen, dass es noch andere Fragen gibt: Spirituelle Fragen. Was kann geistiges Leben? Artaud bewegt sich in diesen Gewässern.

STANDARD: Wie?

Sellars: Dieser Mann war neun Jahre im Irrenhaus. Nicht im Stück, aber in den Notizen dazu schreibt er von ausgefallenen Zähnen, von schmerzenden Knochen: "Wenn Sie keine Zähne hätten, würden Sie denken wie ich", notiert er. Die physische Realität des Schmerzes und seines Körpers ist zentral. Ein Leben lang war er leidend, es war zu viel. Und dieses Faktum, dass es zu viel war, diese Abwesenheit von Selbstschutz, verleiht ihm die prophetische Kraft. Deshalb geht das Material über simple Urteile, gut/böse oder "ich mag das, ich mag das nicht" weit hinaus.

STANDARD: Die spirituelle Welt ist hier also nicht die Manifestation einer abgehobenen Esoterik?

Sellars: Eines vom Wichtigsten dieses Abends ist: da ist nicht die spirituelle Welt - und dort die andere. Sondern (Sellars klopft heftig auf den Garderobentisch) - alles ist in gleicher Weise real. (Sellars lacht). Ich liebe das. Der Text ist so intensiv. Diese Intensität suchten wir in der Umsetzung. Ich gehe da direkt durch in einen visionären Raum.

STANDARD: TV gilt aber nicht gerade als "visionärer Raum".

Sellars: Antonin Artaud selbst wollte nichts Privates machen, sondern über das Radio die Menge erreichen, er wandte sich an die Nation. Wie wir heute leben, ist noch gefährlicher als damals: George Bush schafft gerade ein "Homeland Defence Department".

Infolge des 11. September und des nun endlosen Krieges gegen Terrorismus ist es wichtig zu sagen: Es gibt nur ein Ding, das wirklich ein Sakrileg ist. Und das ist: Töten im Namen Gottes. - Deshalb stelle ich zu Artaud die Gedichte der New Yorker Feministin June Jordan: Beide Textarten handeln vom Töten im Namen Gottes. Und Jordan ist dabei sehr witzig.

Sie fragt immer, wenn sich jemand auf hohe, göttliche Werte beruft: "Ist das so? Wer sagt das? Wer gibt ihm das Recht dazu?" Oder: "Hat Gott wirklich deine Kitchenette gemacht, hast du diese direct line?" - Sie sagt gegen diesen Privatismus: Die Präsenz Gottes ist einzig, was Martin Luther King die "geliebte Gemeinschaft" nannte. Nichts anderes. Kein Staat kann das von sich behaupten: dass er im Namen der Gerechtigkeit Gottes kämpfe.

STANDARD: Noch einmal: Wie kombinieren Sie das mit der TV-Show?

Sellars: Im Fernsehen ist doch eine der beliebtesten Formen die Pressekonferenz. Alle Generäle und Politiker benützen dieses "Genre". So machen wir das auch: Wir halten eine Pressekonferenz. Das gibt gutes TV. So sitzt das Publikum dort, es ist ohnehin gewohnt, dass das ewig so weiter geht und Sinn macht, oder vielleicht auch nicht. Auf der Bühne steht das Pult, das aus Pressekonferenzen im Weissen Haus bekannt ist.

Gleichzeitig habe ich Material über den Afghanistan-Krieg von CNN gesammelt. Dieses geben wir in neuer Weise heraus: Wir sind gewohnt, dass Nachrichten im TV sehr schnell vorbeigehen, einige Sekunden. Und dabei sind es doch immer sehr verschiedene Dinge, die gezeigt werden, sodass nichts aus solchen Nachrichtensendungen jemals kumulative Kraft gewinnt. Alles ist im TV zerstreut, auch die Aufmerksamkeit der Betrachter.

STANDARD: Und was machen Sie dagegen?

Sellars: Ich kombiniere die Nachrichten mit Musik von Osvaldo Golijov, einer Einspielung aus der letzten CD des Kronos-Quartetts. Wenn Sie zu den CNN-Bildern statt der Kommentare das Geheimnis und die Schönheit der Musik hören, ist das eine ungewöhnliche Erfahrung. Denn wir sind nicht gewohnt, das Nachrichten-Event auf unser Leben zu beziehen: Wir weinen bei Musik, hören die Nachrichten aber mit sehr trockenen Augen.

Also: Wie schafft man es, das emotionale Leben mit der Geschichte zusammenzubringen, die sich eben jetzt ereignet? Danach zu suchen: das ist ein Ziel in unserem Projekt. (DER STANDARD, Printausgabe, 11.6.2002)

Service

bis zum 13. 6. im Kasino am Schwarzenbergplatz
21 Uhr


Tipp

Ausstrahlung der TV-Show
16. 6., 23.45, auf ORF 2

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