Montenegros Präsident unter Schmuggelverdacht

11. Juni 2002, 09:39
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Ermittlungen gegen Djukanovic

Podgorica/Zagreb - Gewusst haben es alle, nur die Zeiten haben sich eben geändert: Milo Djukanovic hat als aufstrebender Parteimann, dann als Premier immer schon das Beste für sein Land und immer auch manches Gute für sich selber gewollt. Montenegro, die kleinere jugoslawische Republik, war und ist ein Mekka des Zigaretten- und Benzinschmuggels mit dem Kosovo, Bosnien und vor allem Italien.

Bei Peja, nahe der montenegrinischen Grenze, entdeckten Ermittler kürzlich sogar eine geheime Pipeline, durch die sich unversteuerter Treibstoff aus Montenegro ins benachbarte Kosovo ergoss. Immer wieder werden Tanklaster staatlicher montenegrinischer Speditionen aufgebracht, die bis oben hin voll sind mit gefälschten "Regal" oder "Marlboro". Vorige Woche, als die UNO-Polizei in Gjilan eine illegale Zigarettenfabrik entdeckte, fand man massenweise Container der staatliche Fabrik TK Podgorica aus Montenegro. Die italienische Küstenwache fahndet seit Jahren nach den Schnellbooten, die nachts aus dem Hafen Bar ins gegenüberliegende Bari kommen und im Dunkeln ihre Fracht löschen: Gefälschte Zigaretten, nicht selten aber auch Drogen und sogar Frauen, die in die Prostitution verkauft werden sollen.

Der junge Djukanovic, der stets seine schützende Hand über die Szene hielt, wurde so erst zum Robin Hood gegen die "ungerechten" Sanktionen der neunziger Jahre, später zum Landesvater, der keine ethnischen Komplexe kannte und mit allen Geschäfte machte. Jetzt droht er, ohne sich geändert zu haben, zum Schurken zu werden.

Schon 1998 wusste man in Belgrad vom Konflikt der montenegrinischen Zigarettenschmuggler mit der Konkurrenz in Serbien zu erzählen, wo der Präsidentensohn Marko Milosevic den Paten gab. Der offizielle Bruch zwischen Podgorica und Belgrad, hieß es, sei vor allem Folge des vorhergehenden Unterweltkrieges gewesen. Inzwischen gilt nicht mehr alles als gut, was gegen Milosevic ist - vor allem die Italiener haben Djukanovic schon lange im Visier.

Nachdem Rom bereits einmal einen Haftbefehl gegen dem montenegrinischen Außenminister Branko Perovic erlassen hatte, ist jetzt der Präsident selbst an der Reihe. Ohne Zustimmung des mächtigen Staats- und Parteichef, so argumentieren die Italiener, wäre der extensive Schmuggel nicht möglich - und sie haben auch Hinweise darauf, dass Djukanovic bis heute persönlich daran verdient. Gerardo Cuomo, eine der Größen des italienischen Zigarettenschmuggels, der Präsident habe ihn "meinen mafiösen Freund" genannt.

Indiskretionen

Vorige Woche wurde durch eine Indiskretion bekannt, dass das Anti-Mafia-Büro in der Hafenstadt Bari gegen Djukanovic persönlich ermittelt. Etwa 100.000 Zigaretten-Pakete wandern pro Monat über die Adria, Montenegro, so die apulischen Behörden, verdient daran 5,5 bis 7 Millionen Dollar, von denen der Präsident angeblich seinen Anteil bekommt. Aus einem vertraulichen Ermittlungsbericht geht hervor, dass die italienische Polizei nach den Konten des Milo Djukanovic forscht. Vor einem Jahr schon hatte ein angeblicher Aussteiger aus der Zigarettenszene, der Kroate Srecko Kestner, Djukanovic in mehreren Interviews schwer belastet. Das Milieu ist allerdings eng mit den Geheimdiensten verbandelt - Desinformationen sind hier viel leichter zu haben als echte Enthüllungen.

In Montenegro selbst werden die Vorwürfe meistens totgeschwiegen. Nur das Magazin Monitor mit seiner couragierten Chefredakteurin Milka Tadic berichtet unerschrocken. In Radio und Fernsehen hört man kein Wort dazu, und die angebliche unabhängige Tageszeitung Vijesti widmet sich dem Thema immer erst dann, wenn ein Offizieller auf die Anwürfe reagiert - so am Wochenende, als selbst Milo Djukanovic nicht mehr schweigen konnte. Alles sei nur ein "politisches Spiel", ließ der Präsident verlauten; das Ziel da bei sei, die "politische Szene zu destabilisieren und die Liberalen von einer Regierungsbildung mit den Sozialisten abzuhalten". Dahinter stehe "der Wille einiger Belgrader und internationaler Faktoren", seine Position zu schwächen.

Alle Zigarettengeschäfte seien "im Einklang mit den montenegrinischen Gesetzen" gewesen. "Ich fühle nicht die kleinste Hypothek, die mich zum Rücktritt zwingen würde", sagte der Präsident. (DER STANDARD, Printausgabe, 11.6.2002)

Norbert Mappes-Niediek
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