Polizeigeneral in Belgrad ermordet

10. Juni 2002, 19:30
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Die Ausführung des Attentats erinnert an Anschläge in der Milosevic-Ära

Der serbische Polizeigeneral Bosko Buha ging in der Nacht auf Montag über die beliebte Belgrader Donaupromenade zum bewachten Parkplatz beim Hotel "Jugoslavija". Selbst am späten Abend war es noch angenehm warm, die zu Cafés umgebauten Flöße waren wie immer gut besucht. Als Buha die Tür seines Wagens öffnen wollte, schlich sich ein bislang unbekannter Täter an ihn heran und schoss aus einer Schnellfeuerwaffe aus unmittelbarer Nähe auf den stellvertretenden Polizeichef Serbiens. Kurz danach erlag Buha den Verletzungen. Die Polizei beschränkte sich vorerst auf eine Erklärung, in der mit großem Bedauern festgestellt wird, dass auf den hohen Polizeioffizier ein Attentat mit tödlichen Folgen verübt worden sei.

Der Anschlag trägt jedoch die gleiche Handschrift, wie Dutzende bisher ungeklärte Mordfälle aus der Ära von Slobodan Milosevic. Unter ähnlichen Umständen sind 1997 der stellvertretende serbische Innenminister, Radovan Stojcic, im Jahr 2000 der jugoslawische Verteidigungsminister, Pavle Bulatovic, und der bekannte Herausgeber Slavko Curuvija hingerichtet worden. Nach der Wende in Serbien im Oktober 2000 dachte man, die Zeit der Attentate sei vorbei, die politischen Morde würden endlich geklärt. Dem war offenbar nicht so.

Vor der Wende war Bosko Buha Kommandeur einer schwer bewaffneten Sondereinheit der Polizei, die gegen Massendemonstrationen eingesetzt wurde. Während des Volksaufstandes gegen das Regime Milosevic verweigerte er den Befehl auf die Demonstranten zu schießen und wurde zur Belohnung von den neuen Machthabern zuerst als Polizeichef Belgrads und danach als stellvertretender Polizeichef Serbiens eingesetzt. In Fachkreisen wurde er allerdings als Kriminalpolizist nicht besonders geschätzt.

"Den Staat herausfordern"

"Die Ermordung eines Polizeigenerals zeigt, dass sich an der Sicherheitslage in Serbien nach der Wende recht wenig geändert hat", erklärte Marko Nicovic, heute Anwalt und ehemaliger Polizeichef Belgrads. In der "grauen Zone" lebten nach wie vor Menschen, die so mächtig seien, um "den Staat herausfordern zu können". Dies sei ein "harter Schlag" für Polizei und Regierung.

Kritiker der serbischen Regierung warfen Premier Zoran Djindjic oft vor, nichts gegen das organisierte Verbrechen in Serbien getan zu haben. Zahlreiche Kriegsprofiteure und Gefolgsleute Milosevics seien immer noch auf freiem Fuß und würden vor allem die Wirtschaftspolitik mit gestalten. Hinter vorgehaltener Hand erzählt man in Belgrad, die Ermordung des Polizeigenerals sei eine Warnung gewesen. Buha sei ermordet worden, kurz nachdem Djindjic der Zigarettenmafia den Kampf angesagt hatte und es der Polizei gelungen war, Schmuggelringe aufzudecken. (DER STANDARD, Printausgabe, 11.6.2002)

Andrej Ivanji aus Belgrad
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