Tod auf Krankenschein

11. Juni 2002, 09:01
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Ein Kommentar zur Reform des Gesundheitswesens - von Martina Salomon

Vorsorge hilft. Das ist am Fall jenes letzte Woche verhafteten Villacher Frauenarztes gut zu erkennen, der die Krebsabstriche seiner Patientinnen jahrelang nicht ans Labor weiterschickte. Im Zuge einer Projektstudie fielen drei Frauen mit fortgeschrittenem Gebärmutterhalskrebs auf, die den Mediziner regelmäßig besuchten. Ihre Krankheit wäre früher entdeckt worden, hätte der Arzt ordnungsgemäß gehandelt.

Vorsorge kostet. Die Zahl der radiologischen Befunde ist in fünf Jahren um rund 20 Prozent gestiegen. Und bei 10.000 Magnetresonanztomografien des Kopfes wird wahrscheinlich nur ein einziger Tumor gefunden. Gesundheitsökonomen - sozusagen die natürlichen Feinde der Ärzte - meinen prinzipiell, dass viel zu viel befundet und behandelt wird.

Vorsorge bringt Geld. Wenn Zahnärzte alle zwei Jahre ein Panoramaröntgen pro Patientengebiss verrechnen dürfen, dann werden sie es tun. Und wo mehr Ärzte (etwa in Wien) sind, wird es auch mehr Behandlungen geben.

Vorsorge schafft ein unlösbares Dilemma im Gesundheitswesen: Nicht alles, was technisch machbar ist, kann gemacht werden. Weil es zu teuer ist und wenig bringt, auch wenn es einem einzelnen Menschen möglicherweise das Leben retten kann. Denn eine Maximalmedizin hieße, jeden Gesunden in den Computertomografen zu stecken, weil vielleicht eine Krankheit entdeckt werden könnte. Am anderen Ende des gesundheitspolitischen Spektrums steht die Limitierung nötiger Behandlungen (Stichwort "Tod auf der Warteliste"). Schließlich wird selbst im Sozialstaat Österreich die Oberschicht besser behandelt als Kranke, die nicht gelernt haben, selbstbewusst aufzutreten. International werden daher Behandlungsrichtlinien, so genannte Guidelines, erarbeitet. Darin wird detailliert festgehalten, welche Behandlungen und Befunde bei einer Krankheit empfohlen sind. Ohne sie wird in Zukunft nichts mehr gehen. (DER STANDARD, Printausgabe, 11.6.2002)

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