"Lehrerin hat falsche Antwort wegradiert"

10. Juni 2002, 17:46
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Britische Lehrer erschwindeln bessere Noten in nationalen Examen

Großbritannien/Wien - Britische Lehrer schwindeln bei staatlichen Abschlussexamen, indem sie ihren Schülern beim Beantworten von Prüfungsfragen helfen oder falsche Antworten nachträglich korrigieren. Das berichtet die Londoner Tageszeitung The Guardian.

"Meine elfjährige Enkelin hat soeben ihre Abschlussprüfungen in der Volksschule gemacht", berichtet Margaret Jacobs, pensionierte Lehrerin aus London: "Als ich sie fragte, wie es denn gegangen sei, sagte sie: "Ganz gut eigentlich, Oma. Die Lehrerin hat uns zuerst die Fragen erklärt, und wenn wir was falsch gemacht haben, hat sie's ausradiert, damit wir es hinterher besser machen könnten."

Das Ausradieren falscher Antworten, Durcharbeiten von exakt auf die Prüfungen zugeschnittenem Lehrstoff, ja sogar Auswendiglernen der Antworten von seiten der Schüler nach Bekanntgabe der Fragen durch ihre Lehrer seien nur einige der Praktiken, die ihr in den letzten fünf Jahren - seit Beginn der Bildungsoffensive der Labour- Regierung - zu Ohren gekommen seien, bestätigt eine andere Volksschullehrerin mit Berufserfahrung aus ganz England. "Lehrer", erklärt sie, "stehen bei allgemeinen Budgetnöten unter dem Druck, die vorgegebenen Leistungsstandards zu erfüllen".

Volksschulniveau

Die Lese- und Schreibfähigkeit von sieben Millionen Menschen in Großbritannien und Nordirland befindet sich derzeit auf Volksschulniveau (Einwohnerzahl: fast 60 Millionen). Die Regierung Tony Blair will daher den Schulen Anreiz für eine bessere Performance geben. Staatliche Schulen, die ihre Resultate bei national vorgegebenen Abschlussexamen verbessern, werden in ein Ranking empfehlenswerter Schulen aufgenommen. Wer den Eintrag nicht schafft, muss um Schüler und Personal kämpfen.

Schulen, die besonders gut abschneiden, können außerdem punktuelle Förderungen nach einem Cash-Bonus-System bekommen, das Lehrern und Schulpersonal zugute kommt. Im Vorjahr wurden 60 Millionen Pfund (rund 93 Millionen Euro) verteilt. Privatschulen sind von Ranking und Cash-Bonus-Förderungen ausgenommen.

Noch scheint sich Schwindel auf Volksschulen zu beschränken. Denn einzig bei den Voksschulabschlussprüfungen (SATs) bekommen die Lehrer die Prüfungspapiere einen Monat vor dem Examen zugesandt - im Unterschied zu GCSE (Mittlere Reife) und A-Levels (Matura), wo die Schüler die Kuverts mit den Fragen in der Prüfung selbst aufreißen müssen. (east/DER STANDARD, Print, 11.6.2002)

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