Afghanistan: Irritationen bei der Loya Jirga

12. Juni 2002, 19:09
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Protestierende Delegierte verließen Versammlung - Anhänger des Exkönigs gegen Wahlmodus

Kabul - Dutzende Delegierte der Loya Jirga haben die Versammlung von Vertretern der afghanischen Volksgruppen am Mittwoch, einen Tag nach der verspäteten Eröffnung, verärgert verlassen. Sie beklagten, dass sie zur Frage der Wahl eines Präsidenten nicht konsultiert worden seien. Es wurde jedoch weiter erwartet, dass sich die rund 1500 Abgesandten aus allen Landesteilen und aus dem Ausland auf den Interimspremier Hamid Karsai als neuen Präsidenten des Landes einigen.

Die Teilnehmer der traditionellen Versammlung vertreten alle Regionen und Bevölkerungsgruppen Afghanistans. Sie sollen eine neue Übergangsregierung bestimmen, die entsprechend der im Dezember in Bonn getroffenen Vereinbarungen höchstens zwei Jahre im Amt bleiben und demokratische Wahlen vorbereiten soll.

Die größten Differenzen gibt es bei der Loya Jirga zwischen den paschtunischen Anhängern des Exkönigs und der Nordallianz, die vor allem die Tadschiken und Usbeken repräsentiert. Zwischen ihnen hatte es in der Vergangenheit immer wieder blutige Fehden und Machtkämpfe gegeben.

Karsais Irrtum

Zu den jüngsten Unstimmigkeiten hatte Karsai auch selbst beigetragen, als er am Vortag verkündete, die Loya Jirga habe ihn zum Präsidenten gewählt. Später räumte er dies als Irrtum ein. In der Versammlung war Beifall aufgebrandet, als Zahir Schah seine Unterstützung für Karsai verkündete. Dieser wähnte sich dadurch irrtümlich gewählt.

Der Zeitplan für die Wahl des Präsidenten und der zukünftigen Regierung wurde auch am Mittwoch nicht eingehalten. Die Debatten der Delegierten über den Vorsitz der Versammlung und das weitere Vorgehen zogen sich über den ganzen Tag hin. Frau bewarb sich Für Aufsehen auf der Loya Jirga hat am Mittwoch die Kabuler Ärztin Massuda Jalal gesorgt, die sich überraschend für das Präsidentenamt bewarb.

Zwar hat die 35-jährige Mitarbeiterin beim Ernährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) keinerlei Chancen gegenüber ihrem Mitbewerber Karsai, doch gilt ihre Kandidatur als stark symbolisch. Frauenorganisationen hatten beklagt, dass viele Frauen mit unfairen Mitteln daran gehindert wurden, an der Loya Jirga teilzunehmen. Es gibt jedoch eine Frauenquote von 160 von 1500. Der mächtige Milizenführer Abdul Rasul Sayyaf nutzte die Loya Jirga am Mittwoch zu einer Verteidigungsrede für die früheren Mudjahedin-Gruppen.

Nach der Flucht der Taliban werde oft schlecht über "Männer mit Gewehren" geredet, sagte Sayyaf. "Ich möchte, dass Sie alle hier nichts Schlechtes sagen über diejenigen, die gegen die Russen gekämpft haben", fügte er hinzu. Sayyaf war als Kandidat für den Jirga-Vorsitz vorgeschlagen worden, lehnte jedoch ab. Vor Beginn der Sitzung am Mittwoch war es zu einem Handgemenge zwischen deutschen Soldaten der internationalen Schutztruppe Isaf und Leibwächtern eines afghanischen Politikers gekommen, die sich geweigert hatten, bei Betreten des Tagungsorts ihre Waffen abzugeben. (DER STANDARD, Printausgabe, 13.6.2002)

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