Eine "Gaudi" mit zwei Toten

10. Juni 2002, 17:37
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Mord oder Drogenunfall. Zwischen diesen Versionen werden sich die Geschworenen beim Prozess um den Tod zweier Perger Jugendlicher entscheiden müssen

Linz - Beim Prozessauftakt am Montag machte der 23-jährige Angeklagte nach seinem Selbstmordversuch in der vergangenen Woche einen gefassten Eindruck. Wie die beiden 16-Jährigen bekennt er sich nur wegen Betruges und Verstößen gegen das Suchtmittelgesetz teilweise schuldig. Die Vorwürfe des Mordes und des sexuellen Missbrauchs weisen alle von sich.

Für Staatsanwältin Brigitte Loderbauer ist die Sachlage klar. In ihrem Plädoyer in dem dicht gefüllten Saal führt sie aus, dass alle drei von der Gefährlichkeit des Strychnins gewusst hätten. Dennoch hätten sie im am 12. Juli dem 16-jährigen Dominik W. und seiner 13-jährigen Bekannten Sandra H. das Gift als "zerstoßenes Ecstasy" angeboten. Und dann den "stundenlangen grausamen Todeskampf" der Teenager beobachtet, wie Loderbauer mit sichtlicher Abscheu schildert. Der 23-Jährige soll das Mädchen zusätzlich mit dem Finger penetriert haben, einer der 16-Jährigen sei lachend mit offener Hose um die Sterbenden gelaufen. Das Mädchen sei dann zuerst gestorben und unter einer Brücke versteckt worden.

Dann seien die Beschuldigten nach Hause gegangen, um mit dem Computer zu spielen. Anschließend seien zwei der drei an den Tatort, einen kleinen Park an der Naarn, zurückgekehrt und hätten Dominik in die Naarn geschleift und dort ertränkt, um "Fingerabdrücke zu verwischen", wie der 23-jährige Angeklagte in einem später widerrufenen Geständnis angab.

Stimmt nicht, kontern die Anwälte. Wenn Dominik tatsächlich 20 Meter in die Naarn geschleift worden wäre, hätten an seiner Hose erhebliche Grasspuren sein müssen. Die Hose sei aber ursprünglich nicht untersucht worden. Eine Begutachtung, nachdem sie bereits gewaschen worden war, habe Verschmutzungen gezeigt, die auf ein hinknien und umkippen schließen lassen - einen Unfall also.

Kritisiert wurden auch die Gutachter. So soll eine Expertise "aus Kostengründen" nicht erstellt worden sein. Offensichtlich hatte Dominik Medikamente zu sich genommen, die die Wirkung von Alkohol verstärken können. Ungeklärt ist für die Verteidiger wegen unterschiedlicher Expertenmeinungen auch, ob die Giftdosis tödlich gewesen sei.

Schließlich seien die Angeklagten nicht davon ausgegangen, dass das Gift letal wirke. In ihren Quellen sei nur von anregender und halluzinogener Wirkung die Rede gewesen. Es sei schlicht eine Überdosis - ein Drogenunfall also - gewesen. Den Missbrauch leugnet der 23-Jährige, für den 16-Jährigen sprach sein Anwalt von einer "Gaudi", entstanden aus falscher Einschätzung der Situation. (DER STANDARD, Print, 11.6.2002)

Michael Möseneder
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