Der "Tatortkoffer"

10. Juni 2002, 18:12
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... mit Vorbildwirkung für die Kriminologen der Welt

Graz - Als Wiege der Kriminologie präsentiert sich die Universität Graz im Rahmen der derzeit stattfindenden "ScienceWeek". Der Grazer Jurist Hans Groß (1847 - 1915), der vor 90 Jahren das weltweit erste "kriminalistische Universitätsinstitut" an seiner Heimatuniversität gründete, gehört zu den "Gründervätern". Schon 1893 hatte er mit dem "Handbuch für Untersuchungsrichter" das erste kriminologische Lehrbuch überhaupt verfasst. Im Zentrum der aktuellen Grazer Präsentation steht aber der Großsche "Tatortkoffer", der weltweit Schule gemacht hat und alle wesentlichen Hilfen enthält, damit polizeiliche Ermittlungsverfahren erfolgreich sind.

Im Jahr 1882 beschrieb Mark Twain in seinem Buch "Leben auf dem Mississippi" einen Fall, bei dem der Mörder auf Grund seines Daumenabdruckes entlarvt wird: Zu diesem Zeitpunkt war die Bedeutung des Fingerabdruckes für die Klärung eines Verbrechens noch gar nicht wissenschaftlich untersucht. Fingerabdrücke finden in Hans Groß' "Handbuch für Untersuchungsrichter als System der Kriminalistik" im Jahr 1893 gerade einmal unter "sonstige Spuren" Eingang. Den Fußspuren, ihrer Unterscheidung und der Abformung am Tatort widmet der Jurist allerdings immerhin 70 Seiten seines rund 1.000-seitigen Werkes, das zur Grundlage der modernen Kriminologie - der Wissenschaft über Verbrechen, Verbrecher und Verbrechensopfer - werden sollte.

"Praktischer Ratgeber"

Groß selbst betrachtete das Handbuch als "praktischen Ratgeber". In dem in 55 Sprachen übersetzten Werk, nach dem sich laut Dekan Gernot Kocher selbst die Mitarbeiter des amerikanischen Geheimdienstes FBI orientierten, werden noch eine ganze Reihe von Untersuchungsmethoden genannt, die heute nicht mehr wegzudenken sind, nämlich von der Sicherung von Blutspuren bis zur Abnahme von Schriftproben. "Daneben haben das Buch und die Vorlesungen von Hans Groß zahlreiche Schriftsteller bis hin zu Franz Kafka Anregungen und Stoff für ihre Romane geliefert", so Gernot Kocher, Dekan der Grazer Juridischen Fakultät.

"Groß war ein Praktiker, der aus seiner jahrelangen Erfahrung wusste, woran es bei der Ermittlung mangelte", so Kocher. Groß hat gefordert, dass der im Strafverfahren tätige Richter eine naturwissenschaftlich geprägte Ausbildung in den "strafrechtlichen Hilfswissenschaften" erhalten sollte. Der große Traum des Juristen war es, dass die von ihm systematisierte "gerichtliche Untersuchungskunde" letztlich als "Kriminalkunde" auch an den Universitäten gelehrt werden sollte - ein Wunsch, der erst drei Jahre vor seinem Tod im Jahr 1915 in Graz in Erfüllung gehen sollte. 1977 endete die Selbstständigkeit des Kriminologischen Instituts, als es mit dem Institut für Strafrecht zum heutigen Institut für Strafrecht, Strafprozessrecht und Kriminologie zusammengelegt wurde.

Mehr zum Koffer

Im Zentrum der Grazer Präsentation steht der besagte "Tatortkoffer", der alle wesentlichen Hilfen enthält, damit der Weg im polizeilichen Ermittlungsverfahren so leicht wie möglich von der Tat zum Täter führt. Er steht auch im Mittelpunkt der "Kriminologischen Sammlung Hans Groß" - einer noch von dem Grazer Untersuchungsrichter angelegten Studiensammlung. Sie soll im Oktober dieses Jahres an der Universität Graz wieder zugänglich sein.

Was heute im Rahmen einer Ermittlung selbstverständlich scheint, war zur Jahrhundertwende durchaus nicht üblich: "Außer Feder und Bleistift", so schrieb Groß 1893 in seinem Handbuch, sollte ein Gendarm, der zu einer Ermittlung schreitet, noch einige andere Dinge mitnehmen. "Vor allem wäre notwendig ein Zirkel, um kleine Gegenstände messen zu können, dann ein Maßstab, etwas Siegellack, dann eine kleine Bürste, um mit ihr so genannte Abklatsche machen zu können."

Einige nützliche Dinge

Ferner empfiehlt Groß ein kleines Wachslicht für die Durchsuchung finsterer Räume, Zündhölzchen, einen Kompass, als Material zum Fußspurabnehmen einen halben Kilo Gips bis hin zu Bonbons. Dies, um Kinder, die man einvernehmen möchte, zu bestechen und zu beruhigen. Die Utensilien - unter ihnen auch ein Paar Strümpfe für den Fall, dass es während der Untersuchung zu regnen beginnt und die Füße des Ermittlers nass werden - hat Groß selbst in dem so genannten "Tatortkoffer, der rund 100 Objekte enthält versammelt.

Groß nennt noch drei Dinge, die der Untersuchungsrichter unbedingt mit haben sollte, die jedoch nicht in die "Kommissionstasche", wie sie Groß noch nannte, sondern in die Kleidertasche gehören. " 1. Eine verlässlich, richtig zeigende, nicht stehen bleibende Taschenuhr; 2. Ein sehr gutes, mehrklingiges, stets gut geschliffenes Taschenmesser; 3. Eine ausgezeichnete, absolut verlässliche Verteidigungswaffe".

Die Sammlung

Über mehr als ein halbes Jahrhundert wurden in der von Groß zu Studienzwecken initiierten so genannten Kriminologischen Sammlung auch Bilder und Objekte als Schulungsmaterial für die Ermittler gesammelt. Heute umfasst die Sammlung rund 3.000 Inventarnummern. Der Bogen reicht von Brandrelikten über aufgebrochene Gitter, Schilderungen und Fotos von Leichenverstecken, gefälschten Zeugnissen, manipulierten Würfeln, zu Leichenbehältnissen umfunktionierte Säulenstümpfe bis hin zu als Gehstock getarnten Waffen und den dazugehörenden Strafakten.

"Groß hatte ein außerordentlich gutes Verhältnis zu den österreichischen Gerichten, die immer wieder corpora delicti von Aufsehen erregenden oder raffinierten Fällen an sein Institut übermittelten", so Jürgen Tremer, der am Institut für Österreichische Rechtsgeschichte die Sammlung ordnet, digitalisiert und bis Oktober in einen präsentierbaren Zustand überführen möchte. (APA)

Am 14. Juni ist ein 45-minütiger Film über Leben und Werk von Hans Groß am Grazer Tummelplatz (10.00 bis 17.00 Uhr) zu sehen. Bildmaterial und einige Objekte aus der Kriminalgeschichte werden ebenfalls präsentiert.
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