Japan in Extase

10. Juni 2002, 14:18
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Der erste WM-Sieg versetzte Nippon in einen Freudentaumel - Alle Erwartungen auch in Südkorea übertroffen

Yokohama/Seoul - Sie tanzten nackt in den Straßen, sprangen von Brücken ins Wasser und tauchten die Nation in ein blaues Jubelmeer. Das 1:0 über Russland, der erste Sieg der japanischen Nationalelf bei einer WM-Endrunde, setzte bei den sonst eher zurückhaltenden und momentan von der Wirtschaftskrise geplagten Inselbewohnern südländische Emotionen frei. In Südkorea steigert sich die WM-Begeisterung immer mehr zu einer unglaublichen Massenhysterie. Eine Million Fans verfolgten am Montag das Spiel gegen die USA (1:1) vor 70 Großbildschirmen im ganzen Land.

Allein in Seoul drängten sich 450.000 buntbemalte und meist rotgekleidete Menschen. Für das brisante Duell war aus Angst vor Terror-Anschlägen und anti-amerikanischen Protesten ein Großaufgebot von Polizisten und Soldaten mobilisiert worden. In Daegu hatten 11.000 Polizisten und Soldaten alles unter Kontrolle. Abgesehen von einem friedlichen Sitzstreik von Fans blieb alles ruhig. Das US-Team war auf seinen Busfahrten von gepanzerten Militärfahrzeugen eskortiert worden. Der Luftraum über der drittgrößten Stadt des Landes war abgesperrt, Flugabwehrraketen standen bereit.

Totale Fußballitis ausgebrochen

"Alle Erwartungen wurden übertroffen. Die FIFA hat nicht geglaubt, dass die Menschen hier so vom Fußball-Fieber gepackt werden könnten. Wir sind total begeistert", erklärte Mediendirektor Keith Cooper. Das Auftreten des südkoreanischen Nationalteams lockte am Montag die größte Menschenmasse seit den Demonstrationen gegen das diktatorische Regime von Ex-Präsident Chun Du Hwan Ende der 80er Jahre auf die Straßen. Kinder hatten schulfrei, viele Firmen schickten ihren Mitarbeitern zum Fußballschauen nach Hause.

Um anti-amerikanische Ressentiments nicht anzuheizen, hatte Shorttracker Kim Dong Sung auf einen Besuch im Stadion verzichtet. Seine Disqualifikation bei Olympia in Salt Lake City zu Gunsten des US-Amerikaners Apolo Anton Ohno hatte damals einen Proteststurm in Südkorea ausgelöst. Auf Anraten seines Geheimdienstes verzichtete auch Staatschef Kim Dae Jung auf den Stadion-Besuch und schaute die Partie im Präsidentenpalast "Cheong Wa Dae" in Seoul an.

In Japan erzielen die Zeitungen Rekordauflagen, die TV-Sender vermeldeten die höchste Einschaltquote im Sport-TV seit den Olympischen Spielen in Tokio 1964. "Der rechte Fuß von Ina hat die Geschichte verändert", huldigte "Nikkan Sports" Matchwinner Junichi Inamoto, der mit seiner "Emotionsbombe" ("Sports Hochi") für ein sportliches Erdbeben sorgte. Vor allem Mittelfeldspieler Inamoto spielte sich in die Herzen der Fans. "Bei Arsenal darf er nicht spielen, hier ist er zum Weltstar geworden", kommentierte "Sports Nippon" den Karriere-Sprung des 22-jährigen. (APA)

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