Melanie Raiger zur Frage: Kann man auf Fleisch verzichten?

17. Juni 2002, 14:36
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Antibiotika, Nitrofen, BSE. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht Skandalöses über Fleisch berichtet wird. Ob in der täglichen Ernährung auf Fleisch verzichtet werden kann, welche Alternativen es gibt und in welchem Maße Fleisch noch gesund ist hat Ernährungswissenschafterin Mag. Melanie Raiger im Gespräch mit mymed.cc analysiert.

Das Interview führte Doris Simhofer

mymed: Frau Mag. Raiger, industriell erzeugte Fleischprodukte sind heute vielfach mit Chemikalien kontaminiert. Der Nitrofen-Skandal zeigt, dass darunter auch sehr gefährliche Substanzen sind. Mit welchen Giftstoffen muss der Konsument rechnen?

Raiger: Grundsätzlich muss der Konsument mit gar keinen Gifstoffen rechnen. Allerdings sind durch moderne Mastmethoden, aber auch durch Umweltbelastungen, wie sie in den 60er und 70 Jahren verursacht wurden, nach wie vor Umwelt-Kontaminanten im Boden oder Trinkwasser, die über die Nahrungskette in den menschlichen Organismus gelangen. Eine in Österreich gültige Höchstwerteverordnung gibt an, in welchen Maßen bestimmte Substanzen vorhanden sein dürfen, ohne zu schaden. Mit modernen Methoden ist heute jede Substanz nachweisbar, auch der Gehalt an Nitrofen im Fleisch hätte auffallen müssen.

mymed: In vielen Fleischprodukten sind auch Antibiotika enthalten. Welche Auswirkungen hat das auf die Keimresistenz und die Behandlung mit Antibiotika im Krankheitsfall?

Raiger: Ohne tiermedizinische Indikation ist die Antibiotikagabe verboten. Resistenzen können sich nicht allein durch den Konsum von antibiotikahältigem Fleisch bilden. Durch Kot und Harn im Dünger kommen diese Subtanzen in die Nahrungskette und können in kurzer Zeit auch aus humanmedizinischer Sicht zu Resistenzen führen.

mymed: Wieviel Fleisch pro Woche kann man verzehren, ohne Gesundheitsschäden befürchten zu müssen?

Raiger: Die ernährungswissenschaftlichen Empfehlungen raten zu 2 bis 3 Fleischmahlzeiten pro Woche zu je 150 Gramm, sowie zu 2 bis 3 mal Wurst pro Woche. Fleisch sollte jedoch nur als Beilage gegessen werden und mit Kohlehydraten, wie Kartoffeln und Salat und Gemüse ergänzt werden.

mymed: Es heißt, dass weißes Fleisch gesünder ist als rotes. Stimmt das?

Raiger: Beide Fleischsorten haben ihre Vor- und Nachteile, eine Mischung ist sinnvoll. Weißes Fleisch ist - wird es ohne Haut genossen - magerer und hat einen höheren Anteil an ungesättigten Fettsäuren. Rotes Fleisch enthält viel Zink, Schweinefleisch viel Vitamin B1. Fleisch ist generell als Eisenquelle besser geeignet als pflanzliche Produkte. Ideal wäre jedoch eine Kombination von tierischen und pflanzlichen Eisen-Lieferanten.

mymed: Welche positiven Aspekte für die Gesundheit hat der Verzehr von Fleisch?

Raiger: Fleisch enthält hochwertiges Eiweiß, das der Körper gut verwerten kann. Außerdem ist es eine gute Mineralstoff- und Vitaminquelle. Der Nachteil beim Fleisch ist das tierische Fett, das der menschliche Körper nicht brauchen kann. Ideal im Hinblick auf hochwertiges Eiweiß ist es, Fleisch mit Getreide und Hülsenfrüchten zu kombinieren. Dadurch erhält der Körper biologisch hochwertiges Eiweiß.

mymed: Welche Nahrungsmittel sind vollwertige Alternativen zu Fleisch?

Raiger: Hundertprozentige Alternativen gibt es nicht. Wer auf Fleisch verzichten will, sollte den Konsum von Fisch, Hülsenfrüchten und Sojaprodukten erhöhen. Die vegetarische Lebensweise ist - solange man nur auf Fleisch verzichtet - unproblematisch. Bei Kindern, Schwangeren und Älteren sollte man einen Ernährungsberater einbeziehen. Eine starke Einschränkung von tierischen Nahrungsmitteln wie Milch, Eiern oder Butter kann aber problematisch sein, weil dadurch die Versorgung mit Vitaminen und Spurenelementen nicht gewährleistet werden kann.

mymed: Frau Mag. Raiger, wir danken für das Gespräch!



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