Giftboden als Gemüseacker

10. Juni 2002, 19:29
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Global 2000 ermittelte massive DDT-Belastungen in Wiener Glashäusern

Wien - Der Skandal um Nitrofen in Futtermitteln, Geflügelfleisch und Folgeprodukten ist noch nicht fertig gegessen, da taucht auch schon die nächste Giftmeldung auf. Um mehr als das 900fache als anderswo gerade noch zugelassen seien die Böden der Wiener Erwerbsgärtner mit dem hochgiftigen Altpestizid DDT (siehe "Wissen") belastet, gab die Umweltschutzorganisation Global 2000 am Montag bekannt.

Die im Frühjahr gezogenen, Ende April ausgewerteten zehn Proben hätten DDT-Konzentrationen von bis zu 2333 Mikrogramm pro Kilo ergeben, erläuterte Hermann Kruse, Pestizidexperte der Universität Kiel. Das entspreche "in etwa zwei Zuckerkörnchen", sei also "eine bereits wahrnehmbare Menge" - in Böden, die immerhin knapp 57 Prozent des heimischen Gemüses produzieren.

Nicht weniger drastisch äußerte sich Global-Toxikologin Lia Sieghart: "Unser Gemüse wächst auf Sondermüll." Siegharts Kritik: "Es gibt keine bundesweiten Regelungen und Pestizidgrenzwerte im Boden, weil Bodenschutz Ländersache ist." Ihre - von SPÖ und Grünen geteilten - Forderungen: Belastete Böden müssten saniert, ein Bundes-Bodenschutzgesetz wie etwa in der Schweiz beschlossen werden.

Außerdem, so die Toxikologin, müssten existierende Bodentestergebnisse in Zukunft rascher als bisher veröffentlicht werden. Bisher fasse zwar das Umweltbundesamt solche Daten zusammen, gebe sie aber erst nach eineinhalb Jahren und dann auch nur teilweise weiter.

Letzteres bestätigt Ernährungsagenturchef Walter Schuller: "Die Agentur hat auf diese Daten keinen Zugriff." Am Vorgehen von Global 2000 jedoch wundert ihn: "Warum werden solche wichtigen Testergebnisse erst Wochen nach ihrer Erstellung veröffentlicht?" Das, so Schuller, sei "nicht der Stil, den ich schätze". Zwar lade er "alle einschlägigen Gruppierungen und Interessenvertretungen ein, mit der Agentur zusammenzuarbeiten", aber " bitte auf seriöser Basis".

Einer nämlich, die "Lösungsansätze für den Konsumenten" mit transportiere, wie der Geschäftsführer der Genossenschaft des landwirtschaftlichen Erwerbsgartenbaus, Karl Nehamer, fordert. Ohne Lösungsansätze würden solche Eröffnungen Panik verursachen: "Die Leute glauben dann, dass heimisches Glashausgemüse giftig ist - und wenden sich ausländischen, oft unter weit schlechteren Bedingungen produzierten Produkten zu." (bri, rott/DER STANDARD, Print, 11.6.2002)

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