"Wir haben keine Zeit zu verlieren"

11. Juni 2002, 09:42
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Aufrufe zur Hungerhilfe auf der Welternährungskonferenz in Rom

Es war die Stunde der eindringlichen Appelle. Zum Auftakt der Welternährungskonferenz in Rom richtete UNO-Generalsekretär Kofi Annan einen deutlichen Aufruf an die Industriestaaten: "Im Kampf gegen Hunger und Armut haben wir keine Zeit mehr zu verlieren. Wir können es nicht mehr hinnehmen, dass täglich 24.000 Menschen an Hunger sterben und 800 Millionen unter menschenunwürdigen Bedingungen leben", so Annan.

Der Generaldirektor der Welternährungsorganisation FAO, Jacques Diouf, kritisierte die Industriestaaten, die ihre Versprechungen nicht eingehalten hätten: "Statt um 22 Millionen haben wir die Zahl der Hungernden nur um sechs Millionen jährlich reduziert", gestand Diouf. "Die reiche Welt begegnet Hunger und Armut mit Gleichgültigkeit, weil sie weder Schlagzeilen noch schockierende Fernsehbilder liefern", kritisierte der Senegalese.

Egoismus der OECD

Der vatikanische Staatssekretär, Kardinal Angelo Sodano, übermittelte den Delegierten eine Botschaft des Papstes, der sich über mangelnde "Kultur der Solidarität" beklagt. Das eigentliche Dilemma der Konferenz sprach Diouf bei der Eröffnung des Forums der Nichtregierungsorganisationen im römischen Kongresspalast offen an. "Von den Staats- und Regierungschefs der 29 OECD-Staaten sind nur zwei zur Konferenz erschienen" (Berlusconi und Aznar). Unter dem Applaus der 700 NGO-Vertreter machte Diouf dafür "Egoismus und Marktinteressen" verantwortlich.

Die überwiegende Mehrheit der in Rom vertretenen 120 Staats- und Regierungschefs kommen aus Ländern der Dritten Welt. Per Akklamation verabschiedeten die 4000 Delegierten eine Erklärung, um deren Wortlaut bis zuletzt zäh gerungen wurde. Vor allem die USA wehrten sich hartnäckig dagegen, den Anspruch auf Ernährung als verbindliches Grundrecht festzuschreiben. Man begnügte sich schließlich mit einem Aufruf, sich für die Verwirklichung dieses Rechtes einzusetzen.

Bereits am ersten Tag wurde die Welternährungskonferenz von zahlreichen Pannen überschattet. So konnte das Pressezentrum die 1300 akkreditierten Journalisten nicht fassen. Zahlreiche Pressekonferenzen wurden kurzfristig abgesagt, darunter auch jene von UNO-Generalsekretär Annan und EU-Kommissionspräsident Romano Prodi.

Rund um das Konferenzgebäude wurde das gesamte Stadtgebiet zwischen Kolosseum und Aventin-Hügel am Montag von der Polizei hermetisch abgeriegelt. Auch die Bewohner konnten das Stadtviertel um den Circus Maximus nur mit Sondergenehmigungen betreten. Diese rigorosen Sicherheitsmaßnahmen führten zu einem gigantischen Verkehrschaos. (DER STANDARD, Printausgabe, 12.6.2002)



Von Gerhard Mumelter aus Rom
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