"Geduld bei der Frauenerziehung"

11. Juni 2002, 15:42
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Ein österreichisches Spital in Tansania leistet unter den Massai medizinische Aufklärungsarbeit

Wasso - Der Schatten des Akazienbaumes dämpft die Mittagshitze kaum. Zu einer anderen Tageszeit kann Suzanna aber nicht in das Massai-Dorf kommen - ist es doch die einzige Pause, die den Frauen zwischen Feldarbeit, Rinder tränken, kochen und so weiter bleibt. "Frauen arbeiten wie Esel", schnaubt Suzanna, und hört kurz zu lächeln auf.

Für Halbe-halbe-Plädoyers ist die energische Sozialarbeiterin und Krankenschwester aber nicht aus dem Spital ins Massai-Dorf am Rande der Serengeti in Tansania gefahren, die würde hier ohnehin niemand verstehen. Sie erzählt den 45 Frauen, die sie ernst und vertrauensvoll ansehen, lieber anderes: wie wichtig es ist, Wasser abzukochen. Dass Wasserlöcher vor der Hütte Moskitos anziehen. Und dass sie, wenn sie Fieberschübe bekommen, keinesfalls das Medizinmann-Kraut schlucken, sondern ins Spital fahren sollen. "Es ist wichtig, die Frauen zu erziehen, weil die die Kinder erziehen", sagt Suzanna und setzt auf Geduld und noch einmal Geduld in der Frauenerziehung.

Schnell geht hier gar nichts, zu dominant sind die Traditionen: Junge Mädchen vor der Menstruation sind Sexualpartnerinnen der Massai-Krieger, nach der ersten Regel werden sie beschnitten, verheiratet und beginnen zu gebären. Dass 29-jährige Frauen schon fünf Kinder haben wie Napirai ist normal.

Napirai, wie alle Frauen hier mit schwerem Schmuck behängt und ins traditionelle Rot gekleidet, liegt in der kleinen, abgelegenen Hütte, die Suzanna als Untersuchungsraum benutzt. Bekommt Blutdruck gemessen, den Bauch abgetastet - und vorsichtig erklärt, dass sie zur Geburt bitte diesmal ausnahmsweise ins Spital kommen soll. Weil die sechste Geburt ein Risiko ist, genauso wie auch die erste, wegen der Beschneidung.

Wenn Suzanna das sagt, glaubt ihr Napirai vielleicht. Ist Suzanna doch fast eine von ihnen, eine Massai. Die aber den Weg aus dem Dorf gewagt hat und im 20 Kilometer entfernten Spital arbeitet - in Wasso. Vor 27 Jahren hat der oberösterreichische Arzt und Entwicklungshelfer Herbert Watschinger das Krankenhaus gegründet. Die Gebäude ducken sich in den Busch, sind, ganz unüblich für die Gegend, von Blumen umrahmt - und von Massai belagert. Sie müssen für die Behandlung zahlen, es sei denn, sie bringen einen Brief vom Dorfältesten, dass sie wirklich arm sind.

Geldsorgen plagen auch Wolfram M. Moll, den Arzt und Leiter des Spitals. Bisher hat Österreich das Krankenhaus direkt unterstützt, etwa den Umbau und die Modernisierung bis 2000 bezahlt. Da Tansania dezentralisiert, sollen die Gelder künftig an den Distrikt fließen - weshalb Moll befürchtet, dass "wir nicht erwarten können, das Geld, das wir derzeit haben, wieder zu bekommen." Und mehr als die 20 Prozent, die die PatientInnen derzeit mit ihren Behandlungsbeiträgen zum Budget beisteuern, seien kaum zu erreichen, seufzt Moll.

Und wenn die Behandlung teurer würde, hätte sie es noch schwerer, die Frauen ins Spital zu bringen, seufzt Suzanna. Schon jetzt kommen die Frauen nur im äußersten Notfall ins Spital, daher kommt Suzanna zu ihnen. Einmal in der Woche fährt sie aus dem Krankenhaus in Wasso in eines der nahen Dörfer. Weil sie den Frauen helfen will - geduldig. Denn dass Veränderungen nicht schnell gehen, weiß sie aus ihrer eigenen Geschichte: "Meine drei Töchter sind nicht beschnitten. Und meine Mutter droht, sich deshalb aufzuhängen."

DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 10.6.2002

von Eva Linsinger
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