Kolumbien: Künstler hackt sich wegen entführter Politikerin Finger ab

10. Juni 2002, 06:34
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"Hommage" an die von der Guerilla verschleppte Präsidentschaftskandidatin Betancourt

Cali - Ein französischer Aktionskünstler hat sich zu Ehren der seit Monaten enführten kolumbianischen Ex-Senatorin Ingrid Betancourt am Sonntag vor teils entsetztem Publikum ein Fingerglied abgeschnitten. Während eines internationalen Kunstfestivals in der Kolumbiens drittgrößter Stadt Cali hackte sich Pierre Pinoncelli mit einer Axt das äußere Glied seines kleinen Fingers ab, wie ein Reporter der Nachrichtenagentur AFP berichtete. Mit dem ausströmenden Blut bespritzte der neo-dadaistische Künstler anschließend ein Pappschild mit der Aufschrift "FARC", der linksgerichteten Guerillaorganisation, die Betancourt Ende Februar verschleppte. Unter seinen lauten Rufen "Es lebe das freie Kolumbien" wurde Pinoncelli in ein Krankenhaus gebracht.

"Ingrid Betancourt symbolisiert den Mut derjenigen, die gegen Korruption kämpfen", sagte Pinoncelli nach seiner Selbstverstümmelung im Museum für moderne Kunst "La Tertulia". Die Aktion bezeichnete er als "Hommage" an die Politikerin von der Partei Grüner Sauerstoff, die bei der Präsidentschaftswahl am 26. Mai 0,5 Prozent der Stimmen erhielt. Das Körperteil vermachte der Künstler dem gastgebenden Museum. Pinoncelli war bereits 1969 aufgefallen, als er den damaligen französischen Kulturminister Andre Malraux bei einer Chagall-Ausstellung in Nizza mit roter Tinte bespritzte. Bei einer weiteren Performance in der südfranzösischen Stadt hatte er 1975 "symbolisch" eine Bank überfallen - aus Protest gegen die Partnerschaft mit der südafrikanischen Metropole Kapstadt zur Zeit des Apartheidregimes.

Die 40-jährige Betancourt war am 23. Februar von Rebellen der linksgerichteten Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (FARC) verschleppt worden. Ihr Buch "Die Wut in meinem Herzen" war in Frankreich, wo die Tochter eines Diplomaten und einer Ex-Schönheitskönigin Politikwissenschaften studierte, ein Bestseller. Die Guerillaorganisation verlangt von der Regierung einen Austausch der Politikerin gegen inhaftierte FARC-Mitglieder. Die FARC-Guerilla ist mit rund 17.000 Mitgliedern die größte Rebellenorganisation Südamerikas. Jedes Jahr entführt sie durchschnittlich mehrere hundert Zivilisten, die manchmal getötet oder jahrelang gefangengehalten werden. (APA)

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