Kommentar der Anderen: Zwei Kriege, zwei Wahrheiten

9. Juni 2002, 19:46
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Von der Unmöglichkeit, über den Nahostkonflikt zu sprechen, und der Notwendigkeit, es trotzdem zu versuchen

In Nahost, so der israelische Schriftsteller Amos Oz, "sind zwei palästinensisch-israelische Kriege ausgebrochen" - der eine ist gerecht, der andere ungerecht. "Den einen führen die Palästinenser, um (...) ihr Recht auf einen unabhängigen Staat durchzusetzen (...). Den anderen Krieg führen fanatische Muslime (...), um Israel zu vernichten und die Juden zu vertreiben." Und sie erhalten ihre Botschaft in verkehrter Form zurück. Denn die Israelis führen ebenfalls zwei Kriege: einen, um die "vollständige Herrschaft im Heiligen Land" und einen für ihr Recht, "in einem freien und unabhängigen jüdischen Staat zu leben" (Oz). Die Frage ist nun: Wie verhalten sich die beiden Kriege zueinander?

Seit dem Ende des Sechs-Tages-Krieges hat sich die territoriale Auseinandersetzung allmählich in eine religiöse verwandelt - genauer gesagt, der territoriale Konflikt hat sich religiös aufgeladen und wurde nach und nach zu einem Krieg zwischen Islam und Judentum.

Das veränderte auch den Charakter dieser Auseinandersetzung - das heißt die Art, wie sie Menschen ergreift und wie gekämpft wird. Diese (strukturell) religiöse Art affizierte langsam alle Träger, auch die "säkularen". Die religiöse Aufladung entspricht dem beiderseitigen Übergang von einem "gerechten" zu einem "heiligen" Krieg.

Eine wesentliche zivilisatorische Errungenschaft bestand in dem Versuch, Kriege zu hegen, das heißt Konventionen zu entwickeln, die kriegerische Auseinandersetzungen begrenzen, indem sie sie Regeln unterwerfen. Dem so genannten gerechten Krieg liegt eine Ethik des Kampfes und der Fairness zugrunde im Unterschied zum so genannten heiligen Krieg, der sich durch die Dominanz des Ziels gegenüber den Mitteln definiert und dem daher auch die Opfer sekundär sind.

Preis der Ideologie

Der springende Punkt dabei ist aber, dass das Ziel des heiligen Krieges phantasmatisch ist. So ist das Ziel der islamischen Dschihadisten - die Vertreibung aller Juden und die Zerstörung Israels - eben kein realer Endpunkt, sondern ein Phantasma, das zugleich auf erschreckende Weise mit dem grundlegenden nationalen Trauma Israels kommuniziert: der Vorstellung der immer währenden Bedrohung der eigenen Existenz.

Trotz des Ungleichgewichts der Kräfte hat dieser wilde Krieg zu einer gespenstischen Symmetrie geführt. Hier wie dort die gleichen Szenarien: leere Straßen, Angst, die Häuser zu verlassen. Beide Seiten dringen "direkt in die feindliche Zivilgesellschaft ein" (Wolfgang Sofsky).

Für beide Seiten bedeutet dieses Überhandnehmen des ungerechten Krieges, bezüglich ihrer jeweiligen Interessen, einen Schuss nach hinten: Der Überhang des Ideologischen ist politisch nicht rentabel. So waren die Palästinenser ihrem eigenen Staat schon viel näher gewesen, während die Israelis weit entfernt von einem sicheren und friedlichen Leben sind.

Schließlich aber tangiert das Ausufern des Krieges auch das, was als einziger Ausweg aus einer ausweglosen Situation übrig bleibt: die Zwei-Staaten-Lösung. Denn der zweite Krieg ist nicht nur destruktiv für den Feind - er hat auch Auswirkungen auf die je eigene Gesellschaft. So werden die Palästinenser einen hohen Preis dafür zahlen müssen, das Märtyrertum nicht nur praktiziert, sondern Gräber zum Fundament ihres Staates gemacht zu haben.

Gleichzeitig - und nicht unabhängig davon - besteht ihr internes politisches Problem: Beim Aufbau der Autonomiebehörde wurde es verabsäumt, auch demokratische Strukturen zu entwickeln. Genau dieses Manko hat aber den Übergang vom ersten zum zweiten Krieg beschleunigt: Eine demokratische Instanz könnte den Terror zuordnen und unterdrücken.

Problem der Kritik

Israel hingegen ist eine Demokratie - die einzige in dieser Region, wie man allseits betont. Tatsächlich ist diese demokratische Verfasstheit aber an Frieden gebunden. Und die derzeitige Situation ist auch diesbezüglich problematisch für das Land. Dazu gehört eine gewisse "Verrohung" der Gesellschaft aufgrund der Ereignisse, ebenso wie der Schulterschluss in Zeiten des nationalen Ausnahmezustands. Noch aber gibt es intakte Korrektive: etwa den Obersten Gerichtshof, oder kritische Presse- und Intellektuellenstimmen.

Deren Kritik ist gewissermaßen einfach: Sie ist eine Kritik von "innen". Ganz anders ist die Situation in Europa. Hier ist das Reden über den Nahostkonflikt insgesamt vor allem durch die Schwierigkeit geprägt, den richtigen Tonfall zu treffen - ein Problem, das durch die historische und emotionale Involviertheit Europas noch erschwert wird. In einer besonderen Lage, weil doppelt involviert sind dabei die Juden in Europa: Unmittelbar betroffen sind sie durch die Aufladung des Krieges zu einem Religionskrieg. Denn dies hat den Krieg exterritorialisiert: von Israel zum Judentum allerorts. Zugleich gibt es die virtuelle Zugehörigkeit der Juden zum jüdischen Staat.

So in die Zwickmühle geraten - zwischen Zugehörigkeit und Antisemitismus -, sehen sich die Juden der Diaspora gezwungen, für Israel Partei zu ergreifen. Es stellt sich jedoch die Frage, ob "Partei ergreifen" blinde Solidarität bedeutet oder nicht viel eher sich in der Kritik an der Korruption der moralischen Grundlagen des Landes manifestiert und in der Anerkennung beider Seiten, beiden Leidens, aber auch beider Rollen in der Tragödie. Anders gesagt - in einem Versuch, die Unmöglichkeit des Sprechens über den Konflikt zu überwinden. (DER STANDARD, Print, 10.6.2002)

-von Isolde Charim - Der Beitrag der in Wien lebenden Philosophin und Publizistin erscheint - in gekürzter Form - als Vorabdruck aus der Zeitschrift "Wespennest" (Nr. 127/ Juni 2002).
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