Die großen Schwätzer

10. Juni 2002, 18:59
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10. Juni 2002 - Zu den ödesten Erfahrungen der letzten Tage gehören deutsche Talkshows, in denen das Thema "Antisemitismus" abgehandelt wird ...

... als ginge es um eine Modekrankheit, gegen die derzeit noch kein Kraut gewachsen ist: Aber geil ist es schon, dass man über sie plaudern kann! Und Sätze sagen wie: "Ihre Fraktion, geschätzter Herr Kollege, ist da ja noch vor kurzem selber..." Dazwischen dann Moderatorinnen, die früher bestenfalls in den "Seitenblicken" reüssiert hätten ("Herr Generaldirektor, was halten eigentlich Sie vom neuen Antisemitismus?").

In ein paar Jahren wird man bei der Reprise folgender Sendeminuten wohl nur noch in schrilles Gelächter ausbrechen: Hier Möllemann, tolldreist, dem seine Sympathiewerte mittlerweile total egal sein dürften: "Nee, ich entschuldige mich bei dem arroganten Friedman nich'!" Und dort Friedman, durchaus arrogant, der sich in aller Sorge um Deutschland doch ganz eindeutig an Al Pacino in The Godfather II orientiert: Wie entschuldigt man sich bei dem?

Wie sagte kürzlich Eckhard Henscheid: Wenn Möllemanns Worte gegen Friedman tatsächlich "die größte Beleidigung der Juden nach dem Holocaust" (so Paul Spiegel) seien, so offenbare dies ein furchtbares "Missverhältnis". Und: Friedman sei ein "verantwortungsloser Schwätzer".

Damit geht Henscheid, so Recht er auch haben mag, leider auch zu weit: Jetzt werden nämlich Leute aufstehen und meinen, auch Henscheid sei Antisemit. Das Rumoren der Philister wird weiter Quote machen. So plaudern wir dahin bis in alle Ewigkeit. (cp/DER STANDARD; Printausgabe, 10.6.2002)

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